Der türkische Fernsehsender NTV hat seinen langjährigen Washington-Korrespondenten Hüseyin Günay entlassen, nachdem unbeabsichtigte Tonaufnahmen seine kritischen Äußerungen über das jüngste Treffen von Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit US-Präsident Donald Trump öffentlich machten.
Günay war seit Jahren als Vertreter des Senders in Washington tätig. Während des Besuchs Erdoğans im Weißen Haus führte er im Garten mit einem türkischen Kollegen ein Gespräch, das von einer laufenden Kamera der Nachrichtenagentur Associated Press aufgezeichnet wurde. Die Aufnahmen verbreiteten sich rasch in den sozialen Medien.
In dem Mitschnitt bezeichnet Günay das Treffen als erfolglos. Ankara habe von den Gesprächen „nichts gewonnen“, sagte er. Den Erwerb amerikanischer F-35-Kampfflugzeuge habe Washington von Bedingungen abhängig gemacht, darunter der Verzicht auf russisches Erdgas und eine Einschränkung des Handels mit China. Diese Auflagen seien für die Türkei unannehmbar.
Zugleich nahm Günay Bezug auf Äußerungen von Außenminister Hakan Fidan, wonach für das inländisch entwickelte Kampfflugzeug KAAN Triebwerke aus den Vereinigten Staaten benötigt würden, deren Lieferung jedoch noch der Zustimmung des Kongresses harrt. In diesem Zusammenhang sprach er von einem Machtkampf zwischen Fidan, Erdoğans Sohn Bilal und Schwiegersohn Selçuk Bayraktar, die um Einfluss in einer möglichen „Post-Erdoğan-Ära“ rangen.
Seine Wortwahl war teilweise vulgär. Er sprach davon, Ankara habe „bezahlt und eine Show abgezogen“, und verglich den Auftritt mit dem Verhalten von „Escort-Damen“. Zudem mutmaßte er, ein von türkischer Seite produziertes PR-Video zur Reise sei finanziell unterstützt worden, und kündigte an, im Pressezentrum nachzufragen, wer die Kosten übernommen habe.
Der Vorfall fiel mit Erdoğans erstem Besuch im Weißen Haus seit sechs Jahren zusammen. Kritiker in Ankara werteten die Begegnung als eine, bei der die Türkei Zugeständnisse machte, ohne erkennbare Vorteile in langjährigen Streitfragen zu erzielen. Zwar deutete Trump an, Sanktionen gegen Ankara im Zusammenhang mit den F-35-Geschäften überprüfen zu wollen, eine klare Änderung der US-Politik stellte er jedoch nicht in Aussicht.
Für zusätzliche Kritik sorgte ein nach dem Besuch geschlossener Vertrag der staatlichen Fluggesellschaft Turkish Airlines über den Erwerb von bis zu 225 Boeing-Maschinen. Oppositionsvertreter behaupteten, Erdoğan habe diesen Kauf als Gegenleistung zugesagt, um überhaupt ein Treffen im Oval Office zu ermöglichen.
Die Entlassung Günays reiht sich ein in eine Serie von Personalentscheidungen bei NTV. Bereits im Frühjahr war Auslandschef Ahmet Yeşiltepe freigestellt worden, nachdem er in der Berichterstattung über iranische Raketenangriffe auf Israel die Sorge geäußert hatte, Zivilisten könnten betroffen sein.
Reaktionen von Berufsverbänden auf Günays Entlassung liegen bislang nicht vor. Reporter ohne Grenzen führt die Türkei im Pressefreiheitsindex 2025 auf Rang 159 von 180 Staaten und verweist darauf, dass die meisten nationalen Medien direkt oder indirekt unter Einfluss der Regierung stehen.

No comments