Passlos. Identitätslos. Gefangen im Dazwischen – Ein Leben im rechtlichen Niemandsland

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Adem Yavuz Arslan

Viele erinnern sich an den Film The Terminal mit Tom Hanks.

Ein Mann strandet auf einem internationalen Flughafen. Während seines Fluges stürzt in seiner Heimat ein Regime, sein Pass verliert jede Gültigkeit. Er kann weder in sein Herkunftsland zurückkehren noch in das Land einreisen, in dem er gelandet ist. Juristisch existiert er – praktisch nicht. Sein Leben spielt sich fortan in einem Terminal ab.

Der Film berührte, weil er eine universelle Ungerechtigkeit zeigte: die Kälte bürokratischer Systeme, wenn sie auf menschliche Existenz treffen.

Doch es war eine Fiktion.

Die Geschichte, die ich hier erzähle, ist es nicht.

Sie handelt von einem realen Menschen, in einem realen Land, gefangen in einer realen rechtlichen Sackgasse. Sein Name und seine Herkunft bleiben anonym – nicht aus literarischen Gründen, sondern aus Notwendigkeit. Denn der Mann lebt noch. Und jeder zusätzliche Eintrag, jede neue Aufmerksamkeit kann sein ohnehin fragiles Leben weiter destabilisieren.

Alles war legal. Alles war normal.

Er kam 2013 aus Zentralasien nach Türkiye. Im Rahmen eines offiziellen bilateralen Bildungsprogramms nahm er ein Studium an der Universität Uşak auf. Da die staatlichen Wohnheime überfüllt waren, zog er in ein privates Studentenwohnheim – genehmigt, registriert, dem Staat bekannt.

Er hatte einen gültigen Aufenthaltsstatus.
Er war eingeschrieben.
Er war sichtbar.

Dann kam der 15. Juli 2016.

Und wie für Millionen andere Menschen in der Türkei begann auch für ihn eine langsame, schleichende Entkopplung vom Recht.

„Ich studierte als ausländischer Student.
Ab 2017 konnte ich nicht mehr in mein Heimatland reisen.
2018 wurde gegen mich ein Verfahren wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer Terrororganisation eingeleitet.“

Die Grundlage: keine konkrete Tat, kein individueller Vorwurf. Sein Name tauchte in einer Akte auf. Er habe im selben Wohnheim gewohnt wie andere Beschuldigte.

Mehr nicht.

Dennoch zog die Ausländerbehörde seine Aufenthaltsdokumente ein. In seiner Akte erschien ein interner Vermerk: G-89.

Ein Sicherheitscode, der in der Praxis bedeutet:
Sofort festnehmen und abschieben.

Abschieben – aber wohin?

Denn hier beginnt das eigentliche Paradox.

Parallel zur Abschiebungsanordnung bestand ein Ausreiseverbot.
Er sollte deportiert werden – durfte das Land aber nicht verlassen.

Eines Morgens wurde er festgenommen. Zunächst nach Izmir gebracht, dann nach Adana. Es war Ramadan. Zehn Tage verbrachte er in Polizeigewahrsam.

Dann ließ man ihn gehen.

„Ich war zum ersten Mal in Adana.
Ich hatte kein Geld.
Ich habe gebettelt, um zurück nach Uşak zu kommen.“

Doch frei war er nicht.

Sein Studentenstatus war aufgehoben. Seine Identität – faktisch ausgelöscht.

Was folgte, war eine absurde Dauerschleife staatlicher Zuständigkeitslosigkeit:

Polizeiwache.
Ausländerbehörde.
Krankenhaus.
Zurück zur Polizei.

Einmal wurde er in Handschellen zum Flughafen gebracht. Die Abschiebung scheiterte – wegen des bestehenden Ausreiseverbots. Niemand wusste, wie weiter zu verfahren sei. Nach stundenlangem Warten ließ man ihn wieder frei.

Hannah Arendt schrieb:
Der Entzug der Staatsbürgerschaft macht den Menschen zum rechtlosesten Wesen der Welt.

Diese Geschichte ist eine präzise Illustration dieses Satzes.

Arbeiten ist verboten. Nicht arbeiten unmöglich.

Ohne gültige Papiere durfte er nicht arbeiten. Ohne Arbeit konnte er nicht überleben.

Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch: Lieferdienste, Tagesarbeiten, informelle Tätigkeiten. Oft wurde er nicht bezahlt. Meist unter dem Mindestlohn.

Er heiratete. Seine Frau – türkische Staatsbürgerin – erkrankte schwer an den Augen und konnte nicht mehr arbeiten. Ohne Identitätsdokumente hatte auch er keinen regulären Zugang zum Gesundheitssystem. Arztbesuche waren nur über private Kontakte, Bitten, informelle Wege möglich.

Sein Strafverfahren stagnierte.
2018 festgenommen – doch die Anklageschrift wurde erst 2022 verfasst.
Die erste Verhandlung fand 2024 statt.

„Die Akte war geheim.
Ich wusste jahrelang nicht einmal, wessen ich beschuldigt wurde.“

Flucht als letzter Ausweg – und neue Haft

Als die Situation unerträglich wurde, versuchte er, das Land zu verlassen. Er lieh sich Geld, reiste nach Şırnak und versuchte über den Nordirak nach Europa zu gelangen.

Die Schleuser nahmen sein Geld. Seine Sachen. Seinen Pass.
Und lieferten ihn der Polizei aus.

„Ich hatte ein Einreiseverbot – und gleichzeitig ein Ausreiseverbot.
An der Grenze wusste niemand, was man mit mir machen sollte.“

Drei Tage Gewahrsam.
Dann Ausländerbehörde.
Dann Staatsanwaltschaft.

Am nächsten Tag wurde er inhaftiert.

Acht Monate verbrachte er in verschiedenen Gefängnissen. Mehrfach verlegt. Teilweise in Einzelhaft. Anträge auf Haftverlegung wurden abgelehnt – seine Familie hatte kein Geld für Besuche.

Nach acht Monaten kam er frei.

Doch Freiheit war auch das nicht.

Ein Leben unter Vorbehalt

Heute muss er regelmäßig bei der Polizei unterschreiben. Jede GBT-Kontrolle kann ihn erneut in den Strudel ziehen.

Ein Polizeibeamter sagte einmal offen zu Kollegen:
Lasst diesen Mann in Ruhe. Er macht nur Probleme.

Es war kein Ausdruck von Mitgefühl – sondern ein stilles Eingeständnis administrativer Überforderung.

Er beantragte schließlich die türkische Staatsbürgerschaft – seine Frau und sein Kind sind türkische Staatsangehörige. Doch auch hier: Polizei, Ausländerbehörde, dieselbe Schleife.

„Man sagte mir:
‚Sie haben ein Einreiseverbot für die Türkei.‘
Ich antwortete:
‚Ich bin hier, um genau das aufheben zu lassen.‘
Niemand wusste, was er sagen sollte.“

Nicht im Terminal – sondern mitten im Land

Heute lebt er in permanenter Angst.
Vor Kontrollen.
Vor Aktenvermerken.
Vor der nächsten willkürlichen Entscheidung.

Die Anklage existiert.
Die Zeugen erscheinen nicht.
Das Verfahren bewegt sich nicht.

Sein Leben auch nicht.

Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sagt:

Jeder Mensch hat das Recht, jedes Land zu verlassen, einschließlich seines eigenen, und in sein Land zurückzukehren.

Dieser Mann hat weder ein Land, das er verlassen darf – noch eines, in das er zurückkehren kann.

Im Film The Terminal öffnen sich am Ende die Türen.
Im wirklichen Leben schließen sie sich.

Und manche Menschen leben nicht in Flughäfen, sondern mitten in Staaten – gefangen in einem unsichtbaren Käfig aus Akten, Codes und Zuständigkeiten.

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