2,4 Milliarden Frauen weltweit haben keinen gleichberechtigten Zugang zum Recht.
Vor der 70. Sitzung der UN Frauenrechtskommission in New York haben wir mit Dr. Angela Langenkamp, Vorsitzende von UN Women Deutschland, darüber gesprochen, warum rechtliche Gleichstellung bis heute oft Theorie bleibt und was sich dringend ändern muss.
INTERVIEW I Ebru Kaymak
Weltweit haben nach Angaben von UN Women rund 2,4 Milliarden Frauen keinen gleichberechtigten Zugang zu rechtlichem Schutz. In mehr als 90 Ländern existieren weiterhin Gesetze, die Frauen in zentralen Lebensbereichen diskriminieren – von Erbrecht über Staatsbürgerschaft bis hin zu Schutz vor Gewalt. Jede dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt, doch nur ein Bruchteil der Betroffenen erhält rechtliche Unterstützung oder wirksamen Zugang zur Justiz.
Auch in Deutschland bestehen strukturelle Hürden: Fast jede vierte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens Erfahrungen mit partnerschaftlicher Gewalt. Gleichzeitig nehmen jährlich zehntausende Betroffene ihr Recht aus Angst, finanzieller Abhängigkeit oder mangelnder Beratung nicht wahr. Der Zugang zum Recht ist somit nicht nur eine Frage von Gesetzen, sondern von realer Durchsetzbarkeit.
Darüber spricht Ebru Kaymak von Deutsche Bold mit Dr. Angela Langenkamp*, der Vorsitzenden von UN Women Deutschland. Im Interview berichtet sie von prägenden Erfahrungen in ihrem persönlichen Leben und ihrer beruflichen Laufbahn, die ihr Engagement für Frauen- und Menschenrechte bis heute leiten und davon, warum der Zugang zum Recht zur entscheidenden Voraussetzung für echte Gleichstellung geworden ist.
Im März 2026 die UN Frauenrechtskommission (Commission on the Status of Women – CSW) zu ihrer 70. Sitzung im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York zusammen. Der Schwerpunkt der diesjährigen Beratungen ist klar definiert: den Zugang zum Recht für alle Frauen und Mädchen weltweit zu sichern und zu stärken.
Die Frauenrechtskommission ist das zentrale UN-Gremium für Gleichstellung der Geschlechter und die Förderung von Frauenrechten. Sie tagt einmal jährlich für zwei Wochen und setzt globale politische Leitlinien, an denen sich nationale Gesetzgebungen und internationale Programme orientieren.
Ebru Kaymak (db): Sie haben in unterschiedlichen politischen und internationalen Kontexten gearbeitet. Gab es auf diesem Weg bestimmte Begegnungen oder Situationen, die Ihren heutigen Fokus auf Frauenrechte maßgeblich beeinflusst haben?
Dr. Langenkamp: Ja, die gab es natürlich viele. Meine Beschäftigung mit dem Thema Gleichberechtigung der Geschlechter geht weit in die Vergangenheit zurück und beschäftigte mich schon als Jugendliche. Ich komme aus einem Handwerkerhaushalt und musste – auch als Mädchen – in der Werkstatt meines Vaters helfen. Mein Bruder hingegen blieb lange von der Hausarbeit verschont. Das fand ich schon damals ungerecht!
In den 1990ern in Kenia – zu Beginn meiner entwicklungspolitischen Arbeit – musste ich dann erleben, dass Frauen entweder über ihren Mann oder ihr ältestes Kind definiert werden. Ganz am Anfang wurde ich von dem Vorgesetzten meines Mannes dementsprechend nicht mit meinem Namen begrüßt oder angesprochen, sondern mit „Mrs. Chris“ – Frau von Christoph. Und es hat gedauert, bis akzeptiert wurde, dass ich als eigenständige Person auch mit meinem eigenen Namen angesprochen werden wollte.
„Die Welt ist nicht geschlechterneutral, sondern die Geschlechterdimension prägt unser Zusammenleben und zieht sich durch alle Lebens- und gesellschaftlichen Phasen.“
Das musste ich auch in der eigenen Organisation erleben. Kurz nachdem ich meinen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte, musste ich feststellen, dass ich als einzige weibliche Projektleiterin eine Tarifgruppe niedriger eingestuft worden war als meine männlichen Peers. Als ich das thematisiert habe, war die erste Reaktion meines männlichen Chefs: „Was regst du dich auf? Du hast doch einen Mann, der verdient doch auch.“ Ich war schockiert und bereit für meine Anerkennung und Rechte zu kämpfen. Erfolgreich!
Ebru Kaymak (db): Frauenrechte sind völkerrechtlich verankert und dennoch oft besonders krisenanfällig. Errungenschaften, die lange als gesichert galten, geraten zunehmend unter Druck. Was macht Frauenrechte strukturell verletzlicher als andere Menschenrechte, selbst in demokratischen Rechtsstaaten?
Dr. Langenkamp: Ungeachtet der Staatsform sind fast alle Gesellschaften patriarchal geprägt. Das heißt, die vorherrschenden Normen und Werte basieren auf historisch gewachsenen männlichen Denk- und Verhaltensmustern, Dominanz- und Machtstrukturen politischer, kultureller und/oder religiöser Natur. Man sieht es bei den allermeisten Glaubensgemeinschaften noch heute: Frauen dürfen keine hohen Ämter übernehmen – eine im System verankerte strukturelle Diskriminierung. Aber auch viele Bereiche des öffentlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens sind nach wie vor männlich dominiert und geprägt. Das zeigt sich etwa im deutschen Bundestag mit einem Frauenanteil von nur 32,4 Prozent.
Offizielle Studien, wie Women, Business and the Law der Weltbank (2024), zeigen, dass in 27 Ländern Frauen nicht gleichwertig wie Männer einen Personalausweis oder Pass beantragen können, teils abhängig von einem männlichen Vormund. Das bedeutet, sie sind keine eigenständige Rechtsperson, können kein Konto eröffnen oder die Vormundschaft für ihre Kinder übernehmen. Das zeigt, wie tief Frauenrechte in grundlegende Persönlichkeitsrechte eingreifen.
Frauenrechte sind hochpolitisch. Auch wenn die Gleichberechtigung der Geschlechter in demokratischen Gesellschaften wie Deutschland ein in der jeweiligen Verfassung verankertes Grundrecht ist, wird sie Frauen in vielen Ländern trotz nationaler und internationaler Verpflichtungen abgesprochen und nicht zugestanden. Viele Gesellschaften und Staaten definieren sich über ihre Haltung zur Stellung der Frau in ihrer Mitte. Valerie M. Hudson, Donna Lee Bowen, and Perpetua Lynne Nielsen untersuchten und thematisieren dies eindrücklich in ihrer vom damaligen US Verteidigungsministerium in Auftrag gegeben Studie The First Political Order: How Sex Shapes Governance and National Security Worldwide (2020).
Ebru Kaymak (db): UN Women gilt als zentrale UN-Organisation für Geschlechtergerechtigkeit. Seit Juni 2025 leiten Sie UN Women Deutschland. Was hat Sie persönlich überzeugt, sich bei UN Women Deutschland zu engagieren?
Dr. Langenkamp: Wie UNICEF ist UN Women ein offizielles Organ der Vereinten Nationen. Als solches ist UN Women von den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen – kurz der UN – mandatiert, sich weltweit für Geschlechtergerechtigkeit, speziell die Rechte von Frauen und Mädchen in all ihrer Diversität einzusetzen und die Mitgliedsstaaten darin zu unterstützen, ihre entsprechenden Verpflichtungen umzusetzen. Laut dem Gender Snapshot, der von UN-Women jedes Jahr erstellt wird, sind in den letzten fünf Jahren weltweit 99 Gesetze zum Thema Geschlechtergerechtigkeit reformiert oder neu gefasst worden. Das zeigt, es tut sich etwas, aber wir sind noch lange nicht am Ziel.
Genau deshalb habe ich nach über 36 Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit überlegt, wie ich meine Erfahrungen und Expertise auch weiterhin für gleiche Rechte und Chancen für alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechteridentität und ein Leben in Würde einsetzen kann.
Meine entwicklungspolitische Laufbahn begann 1990 als Leiterin eines UNIFEM (heute UN Women) Projektes im Westen Kenias. Beendet habe ich sie im letzten Jahr als Genderbeauftragte der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Es war meine Aufgabe die Genderstrategie der GIZ in die Umsetzung zu bringen, das Thema systematisch im Unternehmen zu verankern. Dabei wurde ich von der Unternehmensleitung und einem unternehmensweiten Netzwerk von Gender-Ansprechpersonen unterstützt, die u.a. die Landesdirektionen in 120 Ländern darin bestärkt und beraten haben, das Thema wirklich in die Programme und Verfahren vor Ort zu integrieren und den Dialog mit den Partnern zu suchen. Daran wollte ich anknüpfen und dazu bot mir UN Women Deutschland e.V. (UNWD) die Gelegenheit. Anders als UN Women ist UNWD ein unabhängiger gemeinnütziger Verein und eins von insgesamt 13 nationalen UN Women Komitees, die die Frauen- und Gleichstellungspolitik der Vereinten Nationen in ihrem Land bekannt machen und sich für deren Einhaltung und Umsetzung in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Öffentlichkeit einsetzen.
Ebru Kaymak (db): Welche Ziele liegen Ihnen besonders am Herzen, die Sie in Ihrer Amtszeit realisieren wollen?
Dr. Langenkamp: Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist ein gesamtgesellschaftliches Thema. Sie ist als solches in unserem Grundgesetz verankert und doch gibt es nur wenige Männer, die sich aktiv dafür einsetzen. Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist: ob es die Frauenrechtskommissionssitzung in New York ist oder ob es Veranstaltungen sind, die wir organisieren, zum Beispiel das Dialogforum in Vorbereitung auf die diesjährige UN Frauenrechtskommissionssitzung zum Thema „Zugang zum Recht“, die Teilnehmenden sind zu 80-90 Prozent Frauen. Mein Ziel ist es, gemeinsam mit anderen etwas daran zu ändern und dazu beizutragen, dass Gleichberechtigung der Geschlechter nicht nur ein gesamtgesellschaftliches Thema ist, sondern auch als solches wahrgenommen und von allen gelebt wird. Wie gesagt, wir sprechen von einem Grundrecht mit Verfassungsrang. Wir können das Ziel – Geschlechtergerechtigkeit – nur erreichen, wenn wir gemeinsam daran arbeiten. Die Orange the World Kampagne und die HeForShe Kampagne tragen dazu bei. In Deutschland haben wir fünf männliche HeForShe Botschafter. Sie setzen ihre Überzeugung und Expertise ein, um für das Thema zu sensibilisieren und Menschen und speziell ihre männlichen Peers zu motivieren, sich aktiv für die Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen.
Ebru Kaymak (db): Viele Menschen empfinden internationale Organisationen als weit entfernt oder politisch begrenzt. Was läuft aus Ihrer Sicht strukturell falsch, wenn trotz jahrzehntelanger internationaler Arbeit Errungenschaften so leicht wieder infrage gestellt werden können? Wo stößt auch UN Women international, aber auch UN Women Deutschland an reale Grenzen? Wie gehen Sie damit um? Bremsen diplomatische Rücksichten die Arbeit der internationalen Organisationen?
Dr. Langenkamp: Die Vereinten Nationen wurden nach dem zweiten Weltkrieg gegründet, um Frieden, nachhaltige Entwicklung und den internationalen Zusammenhalt zu sichern. Die Gegenwart ist jedoch in beunruhigender Weise geprägt von wachsender Unsicherheit, demokratischer Erosion und sich verschärfenden Krisen und Konflikten. Nationalistische, autokratische und fundamentalistische Strömungen, Bewegungen und Herrschaftssysteme unterminieren und bedrohen diese gemeinsam von allen UN-Mitgliedsstaaten geschaffene internationale Weltordnung, mühsam errungene Übereinkommen, gemeinsame Ziele, Werte und Verpflichtungen. Davon sind Frauenrechte – die in ihrer tatsächlich gelebten Ausprägung und damit Gewährung immer auch ein Ausdruck der vorherrschenden Gesellschafts- und Staatsform sind – besonders betroffen. Frauenrechte werden dabei vereinnahmt und zu einer Ideologie stilisiert, statt als Menschen- und Grundrechte anerkannt, gewährt und verteidigt zu werden.
Organisationen wie UN Women und UN Women Deutschland arbeiten im Verbund mit anderen Akteuren daran, ihnen gezielt etwas entgegenzusetzen, die dahinterstehende Frauenfeindlichkeit offen zu legen, Frauenrechte und Geschlechtergerechtigkeit aktiv zu fördern. Sie fordern Staaten, die z.B. die UN-Frauenrechtskonvention, die UN-Sicherheitsratsresolution 1325 „Frauen, Frieden und Sicherheit“ oder das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, (Istanbul Konvention) ratifiziert haben, diese gemäß ihrer daraus erwachsenen Verpflichtung auch tatkräftig umzusetzen. Deutschland arbeitet gerade an dem 4. Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Resolution 1325. Das sind wir dabei!
Ebru Kaymak (db): Weltweit erstarken antifeministische Narrative und das nicht nur politisch, sondern auch medial und kulturell. Und der gesellschaftliche Widerstand gegen Frauenrechte und Geschlechtergerechtigkeit wird auch immer stärker. Wie ernst nehmen Sie diese Entwicklung? Wie differenziert reagieren Politik, Bildungssysteme und auch Institutionen aus Ihrer Sicht darauf?
Dr. Langenkamp: Sehr ernst – und sie wird massiv unterschätzt. Männliche Nutzer auf Plattformen wie TikTok werden schon nach rund 23 Minuten mit antifeministischen Inhalten konfrontiert. Das ist allamierend!
Karin Prien, die Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, sagte anlässlich der 40-jährigen Jubiläumsratifizierung der UN Frauenrechtskonvention: „Frauenrechte sind Menschenrechte und Herzstück unserer Demokratie.“ Genau dieses Herzstück gilt es zu verteidigen.
Laut dem Europäischen Parlamentarischen Forum für sexuelle und reproduktive Rechte haben sich die jährlichen Anti-Gender-Finanzmittel allein in Europa zwischen 2018 und 2022 mehr als verdoppelt und erreichten in diesem Zeitraum 1,18 Milliarden US-Dollar. Die dahinterstehenden Akteure kommen aus den verschiedensten Kulturen und Schichten, überwinden geopolitische Grenzen, sind extrem gut organisiert, finanzstark und strategisch aufgestellt. Die Finanzmittel werden unter anderem aus den USA und Russland bereitgestellt.
Eine große Herausforderung ist, dass sich Anti-Gender-Bewegungen und Regierungen, die sich eher diesen anschließen als sich für Geschlechtergerechtigkeit stark zu machen, auch innerhalb etablierten politischer Bündnis- und Entscheidungsstrukturen finden – auch in der EU, in der in vielen Bereichen das Prinzip der Einstimmigkeit gilt. Gegenwärtig ist es eine diplomatische Herausforderung, den erreichten Konsens und Standard zu verteidigen, etwa die UN-Frauenrechtskonvention und die Pekinger Aktionsplattform.
Die Pekinger Aktionsplattform wurde 1995 auf der vierten Weltfrauenkonferenz in Peking von 189 Regierungen verabschiedet und gilt bis heute als der umfassendste und visionärste Plan, um die Gleichberechtigung aller Frauen und Mädchen zu erreichen. Sie gilt als Leitlinie für politische Strategien, Programme und Investitionen in zentralen Lebensbereichen wie Bildung, Gesundheit, Frieden, Medien, politischer Teilhabe, wirtschaftlicher Stärkung und dem Schutz vor Gewalt. Die vor 30 Jahren verabschiedete Aktionsplattform war so fortschrittlich, dass sie seitdem nicht mehr angetastet wurde, aus Sorge, einen solchen Konsens nicht erneut zu erreichen. Das ist ein Warnzeichen: Wir müssen am Ball bleiben und die gesellschaftlichen Kräfte stärken, die sich für gleiche Rechte, gleiche Chancen und ein Leben in Würde und frei von Gewalt für alle Menschen einsetzen.
Ebru Kaymak (db): Wo sehen Sie denn konkret in Deutschland weiterhin strukturelle Hürden, die den Zugang zum Recht einschränken?
Dr. Langenkamp: Bevor ich auf die Hürden zu sprechen komme, möchte ich einen unserer Erfolge benennen: das im Februar 2025 verabschiedete Gewalthilfegesetz. Ein Meilenstein, auch wenn es keine umfassende Strategie, die bei der Aufklärung und Prävention ansetzt und nicht nur den Opferschutz garantiert, sondern auch die Täterarbeit mit einbezieht, ersetzen kann. Trotzdem sollten wir den mit vielen Beteiligten gemeinsam errungenen Erfolg feiern. Fehlende Kapazitäten und für die Umsetzung bereitstehende Mittel, sind der Grund dafür, dass der per Gewalthilfegesetz garantierte Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung für gewaltbetroffene Frauen erst ab 2032 durchsetzungsfähig ist. Anders als die Anti-Gender-Finanzströme, werden die für Frauenhäuser oder die Unterstützung von Frauenorganisationen bereitgestellten Mittel weltweit eher abgebaut als aufgebaut und ausgeweitet. Im Sinne des Artikel 3 unseres Grundgesetzes „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin“, muss letzteres aber erfolgen.
Wir sind auf vielen Ebenen noch nicht da, wo wir sein wollen: Sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit ist kein Straftatbestand in Deutschland. Vor dem Hintergrund haben wir – UN Women Deutschland – im letzten Oktober die Petition #KeinKompliment gestartet. Wir fordern, dass Catcalling und damit sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum zu einem Straftatbestand wird. Auch Femizide sind trotz steigender Zahlen kein anerkannter Straftatbestand. Zudem gibt es Schutzlücken auch bei digitaler Gewalt gegen Frauen und Stalking. Laut dem BMBFSFJ richtet sich digitale Gewalt primär an Frauen (30%), Menschen mit homosexueller (28%) und bisexueller (36%) Orientierung und Personen mit sichtbarem Migrationshintergrund (30%). Jedes zweite Mädchen erlebt laut Plan International sexualisierte Gewalt im Netz. Das ist erschütternd! Der Paragraf 218 muss aus dem Strafgesetzbuch gestrichen und das Selbstbestimmungsrecht der Frauen anerkannt werden.
Ebru Kaymak (db): Was gibt Ihnen derzeit Hoffnung für die Zukunft der Frauenrechte – und warum lohnt es sich, trotz allem weiterzukämpfen? Was ist vor allem Ihr Appell an junge Menschen? Was können Einzelne – Bürger:innen, Medienschaffende, Zivilgesellschaft – ganz konkret tun, um Frauenrechte wirksam zu stärken?
Dr. Langenkamp: Mein Appell an junge Menschen: Es geht um eure Zukunft und darum, wie ihr leben wollt – ob ihr ein Leben in Würde leben und mit Respekt behandelt werden wollt. Wenn ihr das für euch wollt, dann gesteht es auch jedem anderen Menschen zu, unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Geschlechteridentität. Seid und macht euch immer wieder bewusst: Gleichberechtigung der Geschlechter ist ein Grundrecht und kein Nice-to-have.
Als Bürger:innen können wir Vorbild sein, Nichtdiskriminierung und Geschlechtergerechtigkeit leben und fördern. Wir können Haltung zeigen und bei sexueller Belästigung oder Diskriminierung nicht wegschauen und nicht schweigen, sondern es adressieren und aktiv etwas dagegen unternehmen. Wir können Petitionen unterstützen und uns Netzwerken und Gemeinschaften anschließen, die sich gegen Frauenhass, Diskriminierung und für gleiche Rechte und Chancen einsetzen. Wir können Frauen- und Frauenrechts- und Menschenrechtsorganisationen unterstützen oder Mitglied werden, zum Beispiel bei UN Women Deutschland.
Für Medienschaffende: Die Geschlechterdimension ist allgegenwärtig. Sie beeinflusst unser Handeln, prägt unsere Wahrnehmung, generiert und verstärkt Trends. Daher kommt den Medien und allen Medienschaffenden eine besondere Aufgabe und Verantwortung zu. Das gilt besonders jetzt, zu einer Zeit, in der Frauenhass und digitale Gewalt immer mehr Raum einnehmen und geschlechtersensible und -gerechte Sprache zunehmend zurückgefahren wird. Das hat Folgen auch und besonders für KI-generierte Inhalte. Deshalb mein Appell an alle Medienschaffenden: Hinterfragen Sie Rollen- und Geschlechter-Stereotype. Nehmen Sie ihre Verantwortung wahr: Seinen Sie Vorbild und nutzen geschlechtergerechte Sprache in Wort, Bild und Ton.
Auch Unternehmen spielen eine wichtige Rolle. UN Women hat gemeinsam mit dem UN Global Compact die Women’s Empowerment Principles für Unternehmen ins Leben gerufen. Viele Unternehmen haben sie bereits unterzeichnet und sich freiwillig zur Umsetzung verpflichtet. Mein Appell an die Wirtschaft: Unterzeichnen und setzen Sie die Principles aktiv um, unterstützen Sie das Entgelttransparenzgesetz – es gibt außer Profit keine Begründung für einen Gender Pay Gap. Entwickeln Sie verbindliche Diversity- und Gender-Strategien, hinterlegen sie sie mit Ressourcen und Rechenschaftsmechanismen und setzen sie tatsächlich um. Nur gemeinsam kann Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit in unserer Mitte Wirklichkeit werden.
*Dr. Angela Langenkamp ist promovierte Geographin und Keramikerin und blickt auf mehr als 35 Jahre Erfahrung in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit im In- und Ausland zurück. Sie arbeitete als Politikberaterin für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), war Projektleiterin und Genderbeauftragte der GIZ sowie Moderatorin und Koordinatorin internationaler Netzwerke und Prozesse. Seit über vier Jahrzehnten setzt sie sich aktiv für gleiche Rechte und Chancen aller Menschen ein. Seit dem 27. Juni 2025 ist sie Vorsitzende von UN Women Deutschland.
UN Women Deutschland e.V. ist ein unabhängiger und gemeinnütziger Verein und eins von insgesamt dreizehn nationalen Komitees für UN Women, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung von Frauen und Mädchen in all ihrer Diversität einsetzen. www.unwomen.de

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