Deutsche Behörden haben am Donnerstag auf Ersuchen der Niederlande einen Mann festgenommen, der von Medien als der ehemalige türkische Staatsanwalt Bayram Bozkurt identifiziert wird. Er soll in Verbindung mit der Ermordung des türkischen Whistleblowers Cemil Önal in den Niederlanden stehen.
Die niederländische Polizei teilte mit, dass ein 47-jähriger Mann aus Bergheim in Westdeutschland unter dem Verdacht festgenommen wurde, an der Erschießung Önal’s am 1. Mai beteiligt gewesen zu sein. Önal war auf der Terrasse eines Hotels in Rijswijk nahe Den Haag getötet worden.
Die Polizei veröffentlichte den Namen des Verdächtigen nicht. Sie erklärte lediglich, dass die niederländische Staatsanwaltschaft um seine Auslieferung gebeten habe und dass die Ermittlungen gegen den Schützen sowie einen zweiten Verdächtigen weiterlaufen.
Die niederländische Zeitung De Telegraaf berichtete, der Mann sei „Bayram B.“, ein früherer türkischer Staatsanwalt, der zum Zeitpunkt der Schüsse mit Önal am Tisch saß.
Mehrere türkische Medien, die sich auf niederländische und zyprische Quellen beziehen, nannten den Verdächtigen ebenfalls Bayram Bozkurt und berichteten, dass er nach monatelangen Ermittlungen in Bergheim festgenommen wurde.
Laut diesen Berichten war Bozkurt die einzige überlebende Person am Tisch und hatte zuvor türkischen Medien Interviews über seine Kontakte zu Önal und seine Anwesenheit während des Angriffs gegeben.
Behörden haben bislang nicht erklärt, welche Rolle der Festgenommene bei dem Mord gespielt haben könnte. Offizielle Anklagen in den Niederlanden oder in Deutschland wurden bisher nicht bekannt gegeben.
Hintergrund: Wer war Cemil Önal?
Cemil Önal, 41, wurde am helllichten Tag erschossen. Er hatte jahrelang als Finanzmanager für den Casino-Besitzer und mutmaßlichen Mafiaboss Halil Falyalı im türkisch kontrollierten Norden Zyperns gearbeitet. Später enthüllte er umfassende Details zu mutmaßlicher Geldwäsche und geheimen Zahlungen, die türkische und türkisch-zyprische Politiker betreffen sollen.
Önal berichtete u. a. dem niederländischen Investigativportal Follow the Money und dem OCCRP (Organized Crime and Corruption Reporting Project), dass Falyalıs Glücksspielnetzwerk monatlich zweistellige Millionensummen generiert habe. Teile dieser Gelder seien über Offshore-Firmen auf Curaçao verschoben und als „Sponsoring“ an politisch einflussreiche Kreise ausgezahlt worden.
Er hatte wiederholt gewarnt, dass er wegen seines Wissens um diese Strukturen um sein Leben fürchte, und sagte kurz vor seinem Tod, seine Enthüllungen würden „sein Todesurteil“ sein.
Ermittlungen und Bedrohungslage
Niederländische Medien berichteten, dass Önal kurz vor seiner Ermordung aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. Er wartete auf die Entscheidung über ein türkisches Auslieferungsersuchen im Zusammenhang mit einem Doppelmord von 2022 auf Nordzypern, bei dem Falyalı und sein Fahrer starben – eine Beteiligung, die Önal zurückwies.
Nach seiner Freilassung sprach er weiterhin mit niederländischen, zyprischen und internationalen Journalisten. Aufgrund der Gefahrenlage wohnte er in einem Hotel unter polizeilicher Beobachtung.
Die niederländische Staatsanwaltschaft erklärte, man sei regelmäßig mit Önal und seinem Anwalt über Bedrohungen in Kontakt gewesen, es habe jedoch keine ausreichenden konkreten Hinweise gegeben, um vor dem Anschlag ein offizielles Ermittlungsverfahren einzuleiten.

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