Die jüngsten Entwicklungen in Venezuela haben die politische Ordnung der Region erschüttert. In der neuen Folge von „The Timeline“ analysieren die Journalisten Abdülhamit Bilici und Jesse Waters gemeinsam mit der Lateinamerika-Expertin Beatriz García Nice, was der Sturz von Nicolás Maduro für Venezuela, Lateinamerika und die internationale Ordnung bedeutet.
García Nice beschreibt die Situation als widersprüchlich und emotional aufgeladen. Für viele Venezolanerinnen und Venezolaner – insbesondere in der Diaspora – überwog zunächst Erleichterung. Nach Jahren von Repression, wirtschaftlichem Zusammenbruch und Massenflucht schien plötzlich Bewegung in eine festgefahrene Realität zu kommen. Gleichzeitig wächst jedoch die Unsicherheit: Wie nachhaltig ist dieser Einschnitt – und zu welchem Preis?
Im Gespräch wird deutlich, warum die Reaktionen in Lateinamerika so unterschiedlich ausfallen. Während einige die Entwicklung als Chance sehen, warnen andere vor einem gefährlichen Präzedenzfall. Die Art und Weise der US-Intervention wirft grundlegende Fragen nach Souveränität, Völkerrecht und der Rückkehr einer machtpolitischen Logik auf, die viele in der Region überwunden glaubten.
Ein zentrales Thema der Folge ist die Frage nach dem politischen Übergang. Warum rücken plötzlich Akteure in den Vordergrund, die bislang Teil des Machtapparats waren? Und weshalb spielen zentrale Oppositionsfiguren – trotz internationaler Anerkennung – derzeit kaum eine Rolle? García Nice erklärt, warum der tatsächliche Zugriff auf staatliche Strukturen, Militär und Ressourcen in dieser Phase entscheidender ist als politische Legitimität allein.
Besonderes Augenmerk gilt der Öl- und Energiepolitik. Die Diskussion zeigt, wie eng geopolitische Interessen, wirtschaftliche Abhängigkeiten und innenpolitische Stabilität miteinander verflochten sind. Ein Wiederaufbau des Energiesektors könnte das Land stabilisieren – birgt aber zugleich das Risiko neuer Korruption und alter Abhängigkeiten.
Über Venezuela hinaus weitet sich der Blick auf ein regionales Grundproblem: In vielen lateinamerikanischen Gesellschaften wächst der Druck zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und dem Schutz demokratischer Freiheiten. Steigende Gewalt, organisierte Kriminalität und schwache Institutionen nähren die Bereitschaft, Freiheit gegen Ordnung einzutauschen – mit langfristig ungewissen Folgen.
Die Folge ordnet diesen Moment als mehr ein als einen Machtwechsel in Caracas. Sie zeigt, warum Venezuela zu einem Testfall geworden ist – für demokratische Übergänge, für internationale Regeln und für kleinere Staaten, die sich in einer zunehmend machtorientierten Weltordnung behaupten müssen.
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