Missbrauchsvorwürfe in ukrainischem Kinderprojekt in der Türkei

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Nach Beginn der russischen Invasion 2022 wurden im Rahmen des von dem ukrainischen Unternehmer Ruslan Shostak initiierten Programms „Kindheit ohne Krieg“ (“Savaşsız Çocukluk Projesi“)   insgesamt 510 Waisenkinder aus der ostukrainischen Frontregion Dnipropetrowsk vorübergehend in ein Hotel bei Antalya und in türkische Betreuungseinrichtungen verlegt. Laut dem Bericht von Agos wollte Shostak, Gründer einer nach ihm benannten Stiftung und Inhaber eines auf rund 140 Millionen Dollar taxierten Vermögens, mit dem Projekt Kindern aus staatlichen Heimen eine sichere Umgebung fernab des Krieges ermöglichen.

Inspektion in Antalya und Prüfbericht

Im März 2024 reiste eine offizielle Delegation nach Antalya, darunter die Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Vertreter der regionalen Militärverwaltung von Dnipropetrowsk, der türkische Ombudsmann sowie Repräsentanten von UNICEF Türkei. Bei der Kontrolle des Hotels im Ferienort Beldibi traten gravierende Hinweise auf Vernachlässigung und Missbrauch zutage; ein gemeinsamer Bericht, den auch das internationale Recherchenetzwerk OCCRP auswertete, dokumentiert die Vorwürfe im Detail.

Vorwürfe von Missbrauch und Vernachlässigung

Dem von elf ukrainischen Verantwortlichen unterzeichneten Bericht zufolge wurden die nach Antalya gebrachten Waisenkinder nicht nur unzureichend betreut, sondern waren psychischer und sexueller Gewalt ausgesetzt. Zwei Minderjährige sollen von Köchen des Hotels geschwängert worden sein; die Mädchen wurden eilig in die Ukraine zurückgebracht, brachten ihre Kinder ohne begleitende Sozialarbeit zur Welt, und eines der Mädchen unternahm nach der Geburt einen Suizidversuch.

Rolle des Hotelpersonals und der Betreuer

Der Bericht hält fest, dass zwei türkische Küchenangestellte intime Beziehungen zu 15‑ und 16‑jährigen Mädchen aufgebaut haben sollen und sich dabei ungehindert Zugang zu deren Zimmern verschafften. Ukrainische Begleitpersonen im Hotel sollen von den Vorgängen gewusst, die Übergriffe aber geduldet haben; Kindern zufolge seien sie zudem gedrängt worden, Erklärungen zu unterschreiben, wonach ihr Kontakt zu türkischen Männern einvernehmlich gewesen sei und sie nichts Negatives über das Personal der Heime äußern würden.

Weitere Missstände im Alltag

Neben sexuellem Missbrauch dokumentiert der Bericht auch strukturelle Vernachlässigung im Alltag der Kinder. Einige Mädchen berichten, zur Zimmerreinigung herangezogen worden zu sein, während ältere Kinder zeitweise die Verantwortung für Jüngere und behinderte Kinder tragen mussten; mindestens ein Kind galt vorübergehend als vermisst und wurde erst nach einer Suchaktion aus der Luft an der Küste aufgefunden.

Eingestellte Ermittlungen und Ende des Projekts

Sowohl in der Ukraine als auch in der Türkei wurden nach Bekanntwerden der Vorwürfe strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet, jedoch mit dem Hinweis auf mangelnde Beweise wieder eingestellt; niemand wurde bislang verurteilt. Der Skandal führte dazu, dass das Projekt „Savaşsız Çocukluk“ im Dezember 2024 beendet und die Kinder in die Ukraine zurückgebracht wurden.

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