Vom leisen Rückzug des Auslandsjournalismus
Als die Washington Post im Februar 2026 ihre Auslandsbüros schloss, war es mehr als eine wirtschaftliche Entscheidung. Mit jedem verstummten Korrespondenten schrumpfte ein Stück der Fenster, durch die Gesellschaften die Welt sehen. Auch Aaron Wiener, langjähriger Leiter des Berliner Büros, erlebte diesen Moment als Zeichen eines tieferen strukturellen Wandels. Doch was geschieht, wenn Auslandskorrespondenten verschwinden — und wie verändern sich Wahrnehmung, Wissen und politische Vorstellungskraft, wenn die Welt zunehmend aus der Distanz betrachtet wird? Der Rückzug des Auslandsjournalismus ist leise, doch seine Folgen reichen weit: weniger Fenster, weniger Weite, weniger gegenseitiges Verstehen.
Yasemin Aydın
Der Februar 2026 markierte einen leisen, aber folgenreichen Wendepunkt. Die umfassenden Entlassungen bei der Washington Post – von denen Hunderte Journalistinnen und Journalisten betroffen waren und die wichtige Auslandsbüros, darunter das Berliner Büro unter Aaron Wiener, auflösten – waren mehr als eine unternehmerische Entscheidung. Sie markierten eine tiefere institutionelle Verengung der Fenster, durch die Gesellschaften die Welt sehen und verstehen.
Auslandsberichterstattung diente lange als Brücke des Journalismus zwischen Gesellschaften. Wenn die physische Präsenz vor Ort zurückgeht, erodiert etwas weniger Sichtbares: das Geflecht gegenseitiger Wahrnehmung.
Wahrnehmungshorizonte erweitern sich weniger. Komplexität wird zu ferner Abstraktion. Ein Krieg erscheint dann nicht mehr als gelebte Realität von Menschen, Städten und Entscheidungen, sondern als entfernte Schlagzeile, reduziert auf Karten, Frontlinien und Zahlen. Was vor Ort Erfahrung, Widerspruch und Ambivalenz ist, wird aus der Distanz zu vereinfachter Gewissheit.
Mit der Zeit droht selbst außenpolitisches Denken enger zu werden: weniger geprägt von gelebter Realität, stärker von gefilterter Distanz. Der Rückzug der Auslandsbüros bedeutet daher nicht nur weniger Reporter im Ausland – er bedeutet weniger Fenster, durch die Gesellschaften einander sehen. Und wenn die Welt schwerer sichtbar wird, bleibt Missverständnis selten auf den Journalismus beschränkt.
Am Rand des Wandels
Bei der Vorbereitung dieses Dossiers habe ich Aaron Wiener erreicht, den ehemaligen Leiter des Berliner Büros der Washington Post, der über Deutschland, Österreich, Polen, Ungarn und breitere europäische Entwicklungen berichtete. Seine Reflexionen bieten eine wichtige Innenperspektive darauf, was die Schließung von Auslandsbüros bedeutet; nicht nur institutionell, sondern auch epistemologisch.
Auf die Frage, wie er den Moment erlebte, als er von der Schließung des Berliner Büros erfuhr, beschrieb Wiener eine vielschichtige emotionale Reaktion:
„Meine unmittelbare Reaktion war eine Mischung aus Akzeptanz, Verwirrung und Traurigkeit. Akzeptanz, weil wir wussten, dass diese Entlassungen kommen würden. Verwirrung über die Logik der Entscheidung: Wie kann eine Zeitung, die sich auf nationale und globale Sicherheit konzentrieren will, ihre Büros in der Ukraine und im Nahen Osten schließen – ebenso wie in Berlin und London? Und Traurigkeit darüber, was das für eine große journalistische Institution bedeutet, die ich so lange bewundert habe.“
Seine Worte spiegeln mehr als persönlichen Verlust. Sie offenbaren einen tieferen Widerspruch in den heutigen Medien: die Spannung zwischen geopolitischer Rhetorik und institutionellem Rückzug.
Wenn die Welt in die Ferne rückt
Das Schrumpfen der Auslandsberichterstattung begann nicht gestern. Sie ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen strukturellen Prozesses.
Wiener ordnet den aktuellen Moment in diesen längeren Verlauf ein:
„Die Zahl amerikanischer Zeitungen mit Auslandsbüros schrumpft seit Jahrzehnten. Ich ging immer davon aus, dass ein Medium wie die Post ein Berliner Büro nicht ewig behalten würde. Ich hatte nur gehofft, es würde länger bestehen.“
Diese Aussage ist nicht nostalgisch. Sie ist diagnostisch.
Auslandsberichterstattung war historisch ein zentrales Instrument des Journalismus, die Welt zu verstehen: sie berichtet nicht nur über Ereignisse, sondern übersetzt Gesellschaften, Kulturen und Krisen in verständliche Narrative. Wenn Korrespondenten physisch verschwinden, entsteht Distanz, die nicht nur geografisch ist, sondern kognitiv und emotional.
,,Fernberichterstattung” ist technisch möglich. Doch Nähe, das Vor-Ort-Sein bleibt laut Wiener unersetzlich:
„Für viele Geschichten gibt es keinen Ersatz dafür, vor Ort zu sein. Ich denke, es wird deutlich weniger internationale Berichterstattung geben – und das, was bleibt, wird weniger bahnbrechend, weniger aufschlussreich und weniger bedeutungsvoll für die Leser sein.“
Das, was Wiener hier beschreibt, ist nicht nur das Verschwinden eines bestimmten Typs von Journalismus, sondern die schleichende Verarmung des öffentlichen Wissens.
Wissen, Macht und der Verlust von Weite
Auslandskorrespondenten waren historisch Brücken zwischen Gesellschaften. Ihre Präsenz stellte Stereotype infrage, erweiterte politische Vorstellungskraft und vermittelte Komplexität. Ihr Rückgang verändert daher nicht nur den Journalismus, sondern den Wahrnehmungshorizont ganzer Gesellschaften.
Wiener weist auf unmittelbare wie strukturelle Risiken hin:
„Es gibt unmittelbare Risiken für Journalisten: etwa ukrainische Mitarbeiter, die eingezogen werden könnten, wenn ihre Beschäftigung endet. Aber es gibt auch ein breiteres Risiko, wenn Amerikaner das Verständnis für andere Teile der Welt verlieren. In der amerikanischen Außenpolitik gibt es bereits viel Engstirnigkeit, und weniger Menschen, die die Welt erklären, werden daran nichts verbessern.“
Was schwindet, ist nicht nur Information, sondern das Geflecht gegenseitiger Wahrnehmung zwischen Gesellschaften.
Journalismus und die Logik der Reduktion
Auslandsbüros sind teuer. Das ist eine strukturelle Realität. Personal, Infrastruktur und Sicherheit über Kontinente hinweg zu sichern, erfordert langfristige Investitionen. Betrachtet man es ausschließlich durch die finanzielle Linse, kann dieser Abbau rational erscheinen.
Doch Journalismus war nie nur Ökonomie. In seiner stärksten Form ist er eine öffentliche Wissensinstitution. Die Spannung zwischen Auftrag und Markt bleibt daher dauerhaft.
Wiener formuliert diese Spannung klar:
„Auslandsbüros zu unterhalten ist teuer. Ich verstehe, warum Organisationen das finanziell nicht mehr für tragfähig halten. Die Frage ist, welchen Wert Leser einer geschrumpften Institution beimessen, die solche Geschichten nicht mehr liefert.“
Die stille Gefahr ist nicht das Verschwinden, sondern der Bedeutungsverlust.
Verschwinden oder Transformation?
Verschwindet der klassische Auslandskorrespondent?
Wieners Antwort ist differenziert:
„Er verschwindet langsam, aber ich glaube nicht, dass er in absehbarer Zeit ganz verschwinden wird.“
Was entsteht, ist ein fragmentiertes Ökosystem: freie Netzwerke, lokale Reporter, Bürgerjournalisten und digital vermittelte Beobachter. Wertvoll – aber nicht gleichwertig.
Technologie wird Zugang erweitern. KI und Übersetzungstools werden motivierten Lesern ermöglichen, Grenzen zu überwinden. Doch Wiener sieht ein tieferes Problem:
„KI wird es motivierten Lesern erleichtern, internationale Geschichten zu finden. Aber ich sorge mich um jene, die nicht so motiviert sind – und diese Geschichten nicht mehr automatisch erhalten.“
Die kommende Spaltung wird weniger durch Technologie als durch unterschiedliche Ebenen der Aufmerksamkeit bestimmt sein. Menschen interessieren sich für Themen, die sie normalerweise übersehen, erst dann, wenn ihre Aufmerksamkeit auf sie gelenkt wird. Dafür braucht es Journalistinnen und Journalisten, die eben jene Geschichten sichtbar machen, die Aufmerksamkeit verdienen.
Journalismus in einer fragileren Welt
Während etablierte Institutionen sich zurückziehen, berichten unabhängige und exilierte Journalisten weiter – oft unter weit prekäreren Bedingungen. In vielen Regionen bleiben sie die letzten verlässlichen Zeugen komplexer Realitäten.
In diesem Kontext tragen Wieners abschließende Worte strukturelles Gewicht:
„Setzen Sie Ihre wichtige Arbeit so lange fort, wie Sie können. Sie ist wertvoller denn je.“
Das ist nicht nur Ermutigung. Es ist Diagnose.
Die institutionellen Grundlagen des internationalen Journalismus schwächen sich – genau in dem Moment, in dem globale Komplexität und der Bedarf an kontextualisierter, ethischer und mutiger Berichterstattung wachsen.
Was wirklich auf dem Spiel steht
Der Rückzug der Auslandsberichterstattung ist nicht nur eine Mediengeschichte. Er ist eine Geschichte über Sichtbarkeit, Verständnis und die Architektur globaler Wahrnehmung. Die Frage ist nicht mehr, ob Journalismus überlebt.
Die zentrale Frage ist: Welche Welt wird uns der Journalismus sehen lassen — und welche nicht?

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