Immer mehr Menschen in Deutschland denken darüber nach, das Land zu verlassen – auch solche, die hier arbeiten, Familien gegründet haben und seit Jahren Teil der Gesellschaft sind. Für die hessische Ministerin für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales, Heike Hofmann, ist das ein ernstes Warnsignal. Diese Entwicklung müsse wachrütteln, sagt sie.
Ebru Kaymak⎥ Interview
Deutschland steht vor einem stillen Widerspruch: Während Wirtschaft und Arbeitsmarkt zunehmend auf Zuwanderung angewiesen sind, denken immer mehr Menschen darüber nach, das Land zu verlassen – darunter auch viele, die hier leben, arbeiten und längst Teil der Gesellschaft sind. Für Hessens Sozialministerin Heike Hofmann ist das kein kurzfristiger Trend, sondern ein Hinweis auf eine tiefere Verschiebung: Fragen von Zugehörigkeit, Vertrauen und gesellschaftlichem Klima rücken ins Zentrum der Integrationsdebatte. Im Interview spricht sie über Migration als wirtschaftliche Notwendigkeit, über ein Land im demografischen Wandel und über die Herausforderung, Zusammenhalt in einer vielfältigen Gesellschaft zu sichern.
Laut dem deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung erwägen 21% der Menschen das Land zu verlassen, insbesondere Menschen mit Migrationsgeschichte. Dabei nannten die Befragten als wichtigsten Grund die Erwartung an eine höhere Lebensqualität. Hofmann ist davon überzeugt, dass Deutschland alles habe, was es brauche:
,,Das ist eine besorgniserregende Entwicklung und muss uns alle auch ein Stück weit wachrütteln. Ich bin auf der anderen Seite davon überzeugt, dass wir in einem guten Land leben, wir müssen nur unsere Chancen und unsere Potenziale ausschöpfen. Wir müssen wieder daran glauben, dass Deutschland ein gutes Land ist. Wir sind ein wohlhabendes Land, wir sind im Herzen von Europa, wir müssen unsere Potenziale und das, was wir haben, nutzen und müssen auch dafür werben und müssen daran anknüpfen, dass wir ein vielfältiges Land sind, dass die Menschen auch willkommen heißt, sie gut behandelt, gut dabei hilft, dass sie auch Teil unserer Gesellschaft werden, wenn Sie hier ankommen.“
Gleichzeitig macht sie klar, dass es dabei nicht um Idealismus geht, sondern um eine nüchterne Realität. Deutschland altert, der Arbeitsmarkt steht unter Druck. Allein bis 2030 fehlen in Hessen nach ihren Angaben rund 240.000 Fachkräfte. „Ich habe da noch nicht von Arbeitskräften gesprochen“, sagt die Ministerin. Ohne Zuwanderung sei wirtschaftliche Prosperität nicht zu halten. Wohlstand und soziale Sicherheit stünden auf dem Spiel.
„Migration ist eine Herausforderung – für die Gesellschaft, die aufnimmt, und für die Menschen, die zu uns kommen.“
Trotzdem bleibe Migration ein Spannungsfeld:
,,Migration ist eine Herausforderung, und zwar für die für die Gesellschaft, die Migrantinnen und Migranten aufnimmt, aber für diejenigen auch, die zu uns kommen. Wir müssen in den Weg auf eine für eine vielfältige Gesellschaft stringenter gehen- angesichts auch der Kräfte, die dagegen wirken wie Rechtsextremisten und Rechtspopulisten. Es ist eine Daueraufgabe, der wir uns gerade in diesen Zeiten der globalisierten Welt noch beherzter zuwenden müssen.“
Eine Gesellschaft dürfe nicht überfordert werden, sagt sie. Gleichzeitig müsse anerkannt werden, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland sei. Vielfalt, unterschiedliche Kulturen und Herkünfte seien Realität und Potenzial zugleich.
Besonders kritisch sieht die Hofmann das gesellschaftliche Klima. Rechtsextreme und rechtspopulistische Kräfte versuchten gezielt, dieses Klima zu vergiften. Hass und Hetze seien nicht nur ein Angriff auf Migrantinnen und Migranten, sondern auf das Zusammenleben insgesamt. Integration sei keine Selbstverständlichkeit, sondern „jeden Tag harte Arbeit“ in Kitas, Schulen, Vereinen, in der Erwachsenenbildung.
„Wir müssen immer wieder jeden Tag aufs Neue für Vielfalt, für Offenheit, für Werte wie Toleranz und ein gutes Miteinander werben.“
Diese Arbeit werde vielerorts geleistet, sagt die Hessische Ministerin. Doch sie könne nur funktionieren, wenn das gesellschaftliche Fundament stimme. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte berichteten ihr, dass sie sich ständig beweisen müssten, selbst nach Jahrzehnten in Deutschland. „Das ist schlecht“, sagt sie. Entscheidend dürfe nicht sein, wo jemand herkomme, sondern wer jemand sei.
Auf politischer Ebene versucht das Land gegenzusteuern. Mit landesweiten Welcome- Centern in Hessen sollen Fachkräfte beim Ankommen unterstützt werden: Bei der Suche einer bezahlbaren Wohnung, die Sprache schnell zu lernen und einen Integrationskurs zu bekommen. Sprache und Arbeit sieht Hofmann als die besten Gelingfaktoren für eine gute Integration.
Gleichzeitig warnt die Ministerin vor neuen Gefahren – insbesondere im digitalen Raum. Rechtsextreme Inhalte verbreiteten sich rasant, junge Menschen würden gezielt angesprochen und radikalisiert. Der digitale Raum sei kein rechtsfreier Raum. Meinungsfreiheit habe Grenzen dort, wo Inhalte strafbar würden. „Das muss konsequent verfolgt werden – auch im Netz.“

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