Aus Starnberg, wo er seit Jahrzehnten gelebt hatte, meldete sich Habermas bis zuletzt regelmäßig zu Wort. Im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine stießen etwa zwei Beiträge in der “Süddeutschen Zeitung” auf Beachtung, in denen der emeritierte Frankfurter Professor für eine rechtzeitige Verhandlungslösung plädierte.
Die jüngsten Verwerfungen in Weltpolitik und Gesellschaft betrachtete Habermas mit großer Sorge – dies berichtete am Samstag Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der den Philosophen zuletzt im Januar in Starnberg besucht hatte: “Ich weiß, die politischen Entwicklungen in Deutschland und Europa haben ihn bedrückt und zweifeln lassen, zumal er bei nachlassenden Kräften den Anspruch hatte, sein Wort gegen Gewalt und Unrecht zu stellen.”
Aufstieg eines bedeutenden Denkers
Bekannt wurde Habermas 1962 mit seiner Habilitationsschrift “Strukturwandel der Öffentlichkeit”, in der er sich mit der frühbürgerlichen Gesellschaft auseinandersetzte. Großen Anklang fanden seine Thesen bei der antiautoritären 68er-Studentenbewegung, zu deren radikalen Vertretern er jedoch bald auf Distanz ging.
1986 löste Habermas den sogenannten Historikerstreit mit aus. Er verteidigte damals die historische Singularität des Holocausts gegen Relativierungsversuche rechtskonservativer Historiker.
Geboren wurde Habermas 1929 als Bürgersohn in Düsseldorf, er wuchs in Gummersbach auf. 1949 begann der knapp 20-Jährige sein Philosophiestudium in Göttingen. Die von ihm als autoritär bis lähmend empfundene Nachkriegsgesellschaft ließ ihn früh von einem demokratischen Neuanfang träumen. “Für mich war Demokratie das Zauberwort”, sagte er mit Blick auf seine Studienzeit in einer 2014 beim Suhrkamp Verlag erschienenen Biografie.
Damit verbunden war seine geistige Hinwendung zum demokratischen Verfassungsstaat der Westmächte, die für sein Denken stets ein Orientierungspunkt blieb. Noch im Zuge des Historikerstreits schrieb er 1986 in der Wochenzeitung “Die Zeit”: “Die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die große intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit.”
Philosophie für Demokratie und Europa
1956 wurde Habermas Forschungsassistent bei den Vertretern der kritischen Theorie in Frankfurt am Main, Max Horkheimer und Theodor Adorno. Nach einer Professur in Heidelberg übernahm er 1964 Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt. 1981 legte er sein Hauptwerk “Theorie des kommunikativen Handelns” vor. Nach einem Wechsel an das Starnberger Max-Planck-Institut lehrte er ab 1983 wieder als Philosophieprofessor in Frankfurt, wo er 1994 emeritiert wurde.
Neben zeitgeschichtlichen Ereignissen wie dem Kosovo-Krieg oder der Migrationskrise 2015 war es immer wieder auch der Zustand Europas, der Habermas zu Kommentaren, Zwischenrufen oder Mahnungen anregte. Mit Blick auf die Europäische Union kritisierte er wiederholt deren “politische Eliten” und sprach sich für eine stärkere Einbeziehung der Bevölkerung in den europäischen Einigungsprozess aus. Zudem setzte er sich früh für eine europäische Verfassung ein und unterstrich die Notwendigkeit einer europäischen Öffentlichkeit.
Was einen Intellektuellen ausmacht, beschrieb Habermas einmal selbst. Der Intellektuelle brauche einen “avantgardistischen Spürsinn für Relevanzen”, betonte er in seiner Dankesrede zur Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises 2006. “Er muss sich zu einem Zeitpunkt über kritische Entwicklungen aufregen können, wenn Andere noch beim business as usual sind.”
Zum Ende seines Lebens hat Habermas “mehrere persönliche Schicksalsschläge ertragen” müssen, wie Bundespräsident Steinmeier in seinem Kondolenznachricht an Habermas’ Kinder schrieb. Der Philosoph war 70 Jahre lang mit Ute Wesselhoeft verheiratet, die im vergangenen Juni starb. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Seine Tochter, die Historikern Rebekka Habermas, starb 2023 nach schwerer Krankheit.
© Agence France-Presse

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