Drei Jahre nach den Erdbeben von 2023: Viele Überlebende in der Türkei weiterhin in Not

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Am Freitag gedachte die Türkei der Erdbeben, die sich am 6. Februar 2023 ereigneten – zum dritten Mal. Präsident Recep Tayyip Erdoğan und regierungsnahe Medien stellten den Wiederaufbau als eingelöstes staatliches Versprechen dar. Überlebende berichten hingegen, dass in Teilen der betroffenen Regionen weiterhin prekäre Lebensverhältnisse herrschen.

Die Erdbeben der Stärke 7,8 und 7,5 hatten am 6. Februar 2023 elf Provinzen im Süden und Südosten der Türkei erschüttert. Nach offiziellen Angaben kamen 53.537 Menschen ums Leben, mehr als 107.000 wurden verletzt. Millionen verloren ihr Zuhause, nachdem Tausende Gebäude eingestürzt waren.

In einer Videobotschaft zum Jahrestag erklärte Erdoğan, der Staat habe seine Zusagen beim Wiederaufbau eingehalten, und bewertete die Maßnahmen als erfolgreichen Erholungsprozess. Regierungsnahe Medien hoben insbesondere das Ausmaß der Bautätigkeit hervor. Demnach seien mehr als 455.000 unabhängige Einheiten, darunter Wohnungen und Arbeitsstätten, in der Erdbebenregion fertiggestellt worden.

Der Vorsitzende der größten Oppositionspartei, Özgür Özel, erinnerte in dieser Woche daran, dass die Regierung nach der Katastrophe zugesagt hatte, innerhalb eines Jahres 650.000 Wohneinheiten zu errichten. Tatsächlich sei bis zum ersten Jahrestag lediglich ein geringer Teil fertiggestellt worden, bis zum Ende des zweiten Jahres rund 30 Prozent. Die Wohnungszusagen für die Katastrophenregion seien damit nicht erfüllt worden, sagte Özel.

Erdoğan hingegen bezeichnete den Wiederaufbau wiederholt als die größte Mobilisierung dieser Art in der Geschichte des Landes. Regierungsvertreter verwiesen in den vergangenen Monaten mehrfach auf Massenübergaben neuer Wohnungen in den betroffenen Provinzen.

Allerdings bedeuten fertiggestellte Gebäude nicht zwangsläufig bezugsfertigen Wohnraum. In Teilen der Erdbebenregion fehlt es weiterhin an funktionierender Infrastruktur. Dies verzögert die Übergabe der Wohnungen und zwingt viele Familien, weiterhin in provisorischen Unterkünften zu leben.

Besonders deutlich zeigt sich dies in Antakya, dem Zentrum der südlichen Provinz Hatay, die zu den am stärksten betroffenen Regionen zählt. Von den insgesamt 53.537 Todesopfern entfielen allein 24.000 auf Hatay. Tausende Wohneinheiten in Antakya sind zwar fertiggestellt, konnten wegen noch ausstehender Infrastrukturarbeiten bislang jedoch nicht übergeben werden. Die Übergaben werden für den Sommer erwartet.

Auch drei Jahre nach der Katastrophe leben weiterhin viele Menschen in Containersiedlungen. Nach offiziellen Angaben hielten sich am 26. Januar noch 360.455 Menschen in solchen Unterkünften auf.

Erdoğans Videobotschaft zum Jahrestag, in der Rettungseinsätze, neu errichtete Wohnanlagen und lobende Aussagen von Bewohnern gezeigt wurden, stieß daher auf Kritik. Bemängelt wurde, dass Familien, die noch immer in Containersiedlungen leben, in der Darstellung keine Erwähnung fanden.

Berichte aus der Region weisen zudem auf anhaltende Probleme bei Infrastruktur und Zugang hin, die den Alltag vieler Menschen prägen, insbesondere den von vulnerablen Gruppen. Die Zahl der Menschen mit Behinderungen ist infolge der Erdbeben deutlich gestiegen. Viele von ihnen sehen sich in und um die Containersiedlungen mit baulichen Barrieren konfrontiert und beklagen den Mangel an auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Angeboten.

Gegenüber der türkischen Ausgabe von Deutsche Welle berichtete ein Vertreter der Türkischen Ärztekammer von einem behinderten Überlebenden, der in einer Containersiedlung lebt und angab, seine Tage am Fenster zu verbringen, da sich sein Mobilitätshilfsmittel auf dem Gelände kaum bewegen lasse.

Ein weiterer Konfliktpunkt bleibt die Frage der Verantwortung. Menschenrechtsorganisationen nutzten den Jahrestag erneut, um Rechenschaft einzufordern. Die türkische Sektion von Amnesty International erklärte, das Ausmaß der Katastrophe lasse sich nicht allein als Naturereignis erklären. Die hohe Zahl der Todesopfer sei Ausdruck des Versagens bei der Einhaltung wissenschaftlicher Standards zur Erdbebenvorsorge sowie von Fehlern, Vernachlässigung und Missständen vor und nach den Beben. Alle Verantwortlichen, auch staatliche Stellen, müssten strafrechtlich verfolgt werden. Zudem forderte die Organisation einen Wiederaufbau, der sicher, transparent und mit der Menschenwürde vereinbar sei.

Zwar wurden in den vergangenen drei Jahren einige Bauunternehmer und andere Verantwortliche verurteilt, doch zahlreiche Verfahren sind weiterhin anhängig. Laut offiziellen Zahlen, auf die sich die Deutsche Welle beruft, wurden bislang 2.591 Strafverfahren eingeleitet. Zudem seien 116.696 Klagen gegen staatliche Stellen wegen erdbebenbedingter Zerstörungen anhängig, von denen Zehntausende noch vor Verwaltungsgerichten verhandelt würden.

Auch dort, wo der Wiederaufbau sichtbar voranschreitet, weisen Überlebende und Fachleute darauf hin, dass Erholung mehr umfasst als die Übergabe von Wohnungsschlüsseln. Internationale Hilfsorganisationen betonen weiterhin die Bedeutung des Wiederaufbaus von Lebensgrundlagen, insbesondere für Menschen, die versuchen, kleine Unternehmen neu zu gründen.

Die Erdbeben vom 6. Februar 2023 mit Epizentrum nahe Kahramanmaraş verwüsteten einen breiten Streifen im Süden und Südosten der Türkei und lösten eine der größten innerstaatlichen Vertreibungen in der modernen Geschichte des Landes aus. In den ersten Tagen nach der Katastrophe stürzten mehr als 39.000 Gebäude ein. Rund 518.000 Wohneinheiten wurden zerstört oder schwer beschädigt. Mehr als zwei Millionen Menschen waren dringend auf Unterkünfte angewiesen und sahen sich einer langfristigen Vertreibung gegenüber.

Survivors still in dire straits after Turkey’s 2023 earthquakes as Erdoğan gov’t touts successful recovery

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