Die Lebensmittelpreise in der Türkei sind im Januar im Jahresvergleich um 31,69 Prozent gestiegen – nahezu zwölfmal so stark wie der Anstieg von 2,7 Prozent in der Kategorie Lebensmittel, Alkohol und Tabak im Euroraum. Das geht aus Daten des Türkischen Statistikamts (TurkStat) und von Eurostat hervor.
Auch bei den allgemeinen Verbraucherpreisen zeigte sich eine große Differenz. Die jährliche Inflation in der Türkei lag im Januar bei 30,65 Prozent, nach 30,89 Prozent im Dezember, und damit auf dem niedrigsten Stand seit November 2021. Im Euroraum sank die Jahresrate von 1,9 auf 1,7 Prozent. Insgesamt lag die türkische Gesamtinflation damit etwa 18-mal über dem Durchschnitt des Euroraums.
Lebensmittel und alkoholfreie Getränke waren der wichtigste Treiber des monatlichen Preisanstiegs von 4,84 Prozent. Allein die Lebensmittelpreise erhöhten sich innerhalb eines Monats um 6,59 Prozent und trugen damit 1,61 Prozentpunkte zur Gesamtinflation bei. Dieser Monatsanstieg entsprach rund dem 2,4-Fachen der jährlichen Lebensmittelinflation im Euroraum.
Auch die Transportkosten stiegen im Monatsvergleich um 5,29 Prozent. Die Ausgaben für Wohnen, Wasser, Strom, Gas und andere Brennstoffe legten um 4,43 Prozent zu.
Die Januar-Daten spiegeln zudem überarbeitete Berechnungsmethoden von TurkStat wider. Die Behörde setzte das Basisjahr auf 2025 zurück und übernahm eine neue internationale Klassifikation für Haushaltsausgaben, wie sie in der Europäischen Union verwendet wird. Der Anteil von Lebensmitteln und alkoholfreien Getränken im Warenkorb wurde dabei leicht von 24,96 auf 24,44 Prozent reduziert, während die Zahl der erfassten Produkte von 407 auf 428 stieg.
Türkei führt OECD bei Lebensmittelpreisen an
Die Lebensmittelpreise in der Türkei liegen deutlich über denen anderer Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Laut den neuesten verfügbaren OECD-Daten für November 2025 betrug die Lebensmittelinflation dort 27,4 Prozent – mehr als viermal so viel wie in Estland mit 6,5 Prozent und fast siebenmal so hoch wie der OECD-Durchschnitt von 4,0 Prozent.
Bis Januar erhöhte sich die Rate in der Türkei weiter auf 31,69 Prozent und vergrößerte damit den Abstand zu anderen entwickelten Volkswirtschaften.
Ökonomen sprechen von strukturellem Problem
Die Ökonomin İris Cibre erklärte in einem Beitrag auf X, dass es sich bei den Preissteigerungen eher um ein strukturelles als um ein saisonales Problem handle. Eine auf TurkStat-Daten basierende Grafik zeige, dass insbesondere Fleisch sowie Obst und Gemüse seit Januar 2020 deutlich stärker gestiegen seien als der allgemeine Verbraucherpreisindex – mit Fleisch an der Spitze.
Der Ökonom İnan Mutlu verwies unter Berufung auf Daten des Verbands der türkischen Landwirtschaftskammern darauf, dass der Preis für ein Kilogramm Rindfleisch zwischen Januar 2020 und Januar 2026 um 2.853 Prozent gestiegen sei – von 31,20 Lira auf 921,38 Lira. Zucchini verteuerten sich im selben Zeitraum um 1.949 Prozent, Lammfleisch um 1.784 Prozent, Pistazien um 1.562 Prozent, Reis um 958 Prozent, Olivenöl um 871 Prozent, Butter um 830 Prozent und Hähnchenfleisch um 698 Prozent.
Mutlu ergänzte: „TurkStat hat den Warenkorb nicht ohne Grund verborgen.“ Er spielte damit auf die Entscheidung der Behörde an, seit 2022 keine detaillierten Preislisten mehr zu veröffentlichen. Zwar verpflichtete ein Gericht TurkStat zur Herausgabe der Daten, doch bislang kam die Behörde dem nicht nach. Der Gewerkschaftsdachverband DİSK stellte archivierte Versionen der Listen auf seiner Website bereit.
Kritik an neuer Inflationsberechnung
Die überarbeiteten Methoden von TurkStat stoßen bei Ökonomen auf Kritik. Sie argumentieren, dass die Änderungen den Einfluss der Lebensmittelpreise auf die Gesamtinflation rechnerisch verringern könnten. Im Zuge der Umstrukturierung wurde die Zahl der Hauptausgabenkategorien von 12 auf 13 erhöht, indem Versicherungs- und Finanzdienstleistungen als eigene Gruppe aufgenommen wurden. Zudem basiert die Gewichtung nun auf volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen statt auf Haushaltsbefragungen.
Die unabhängige Inflationsforschungsgruppe ENAG, ein Zusammenschluss türkischer Experten, die die offiziellen Daten anzweifeln, meldete für Januar einen monatlichen Preisanstieg von 6,32 Prozent sowie eine Jahresrate von 53,42 Prozent – deutlich über den offiziellen Angaben.
Die Türkei kämpft seit Jahren mit hoher Inflation; 2022 überschritt sie zeitweise die Marke von 85 Prozent. Die Zentralbank hatte den Leitzins ab Mitte 2023 schrittweise auf 50 Prozent angehoben und begann im Dezember 2024 mit Zinssenkungen, als sich die Inflation abschwächte. Analysten warnen jedoch, dass insbesondere steigende Preise für Lebensmittel und Dienstleistungen weitere Zinssenkungen erschweren könnten – vor allem mit Blick auf den Ramadan, der Mitte Februar beginnt und traditionell mit einer höheren Nachfrage nach Nahrungsmitteln einhergeht.

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