Fehlkalkulationen im Iran-Krieg: Was die USA und Israel übersehen haben

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Doğan Ertuğrul

Offenbar haben die Entscheidungsträger in den USA und Israel ihre gesamte Strategie auf einen raschen Regimewechsel und den schnellen Zusammenbruch des iranischen Systems aufgebaut. Doch eine entscheidende Frage scheint dabei kaum berücksichtigt zu werden: Was geschieht, wenn das Regime nicht innerhalb kurzer Zeit kollabiert?

An einem ruhigen Sonntag in Wien saß ich in der Straßenbahnlinie 5 auf dem Weg nach Hause, als ich auf X die Ankündigung einer Demonstration sah. Protestiert werden sollte gegen die Tötung des iranischen Revolutionsführers Ali Chamenei durch einen US-israelischen Angriff. Soweit ich weiß – oder zumindest soweit es mir auffiel – war dies die erste Demonstration von regimefreundlichen Iranern in Wien.

Während ich darüber nachdachte, zum Stephansplatz zu fahren, um diese ungewöhnliche Kundgebung zu beobachten, bemerkte ich ein junges Mädchen, das mir gegenübersaß. In der Hand hielt sie ein Poster des Sohnes des gestürzten iranischen Schahs.

Vermutlich war auch sie auf dem Weg zu einer Demonstration – allerdings zu einer, die die US-israelischen Angriffe und die Tötung Chameneis unterstützte. Und beide Demonstrationen sollten nahezu auf demselben Platz stattfinden.

Wird das islamistische Regime diesmal fallen?

„Typisch Iran“, dachte ich mir. „Eine Gleichzeitigkeit von Gegensätzen.“

Auf der einen Seite Unterstützer des radikal-islamistischen Regimes, das seit 1979 an der Macht ist – möglicherweise zum ersten Mal auf der Straße. Auf der anderen Seite Anhänger der Schah-Familie, die durch die islamische Revolution gestürzt wurde und deren Unterstützer, auch wenn sie nicht zahlreich sind, in der Diaspora immer wieder demonstrieren.

Dieses Bild erinnert daran, dass es ein anderes Iran gibt – eines, das sich von dem unterscheidet, das wir zu kennen glauben. Doch meist sehen wir Iran durch die Augen jenes Mädchens mit dem Schah-Poster. Vielleicht wollen wir es sogar so sehen.

Tatsächlich existiert neben dem Bild, das die monarchistische Diaspora vermittelt, ein anderes Iran – eines, das in westlichen öffentlichen Debatten deutlich weniger Beachtung findet, sowohl gesellschaftlich als auch politisch.

Bei jeder innen- oder außenpolitischen Krise Irans tauchen immer wieder dieselben Fragen auf:

Wird das islamistische Regime diesmal zusammenbrechen?
Und wenn es fällt – wird eine prowestliche Regierung an seine Stelle treten?

Der Krieg, der am 28. Februar begann, hat diese Fragen erneut weltweit auf die Tagesordnung gesetzt. Die meisten Antworten gehen davon aus, dass das Ende des Regimes nur noch eine Frage der Zeit sei. Doch diese Erwartungen beruhen auf problematischen Annahmen und offensichtlichen Fehlkalkulationen.

Diese Annahmen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

1. Die militärischen Kapazitäten Irans könnten innerhalb weniger Tage neutralisiert werden.

Inzwischen ist deutlich geworden, dass diese Annahme nicht zutrifft.

2. Wenn Revolutionsführer Chamenei sowie militärische und politische Führungspersonen getötet werden, wird das Regime zusammenbrechen.

Auch dies ist eine Fehlannahme. Das iranische System besteht nicht aus einer einzigen Person. Seit der Revolution ist Macht über verschiedene Institutionen und Räte verteilt worden – eine komplexe Machtarchitektur.

Die Revolutionsgarden, die von den USA und Europa als Terrororganisation eingestuft werden, sind zudem nicht nur eine militärische Struktur. Sie prägen auch Wirtschaft, Gesellschaft und politische Institutionen des Landes.

Viele einflussreiche politische Persönlichkeiten – darunter auch Ali Laridschani, der oft als eine Art „verborgene Macht“ des Regimes gilt – entstammen den Reihen der Revolutionsgarden.

Darüber hinaus verfügt das Regime über gesellschaftliche Gruppen, von denen es Unterstützung erhält und aus denen es Zustimmung generiert. Selbst in dem oft als „Mullah-Regime“ bezeichneten System existierte die religiöse Gelehrtenklasse bereits vor der Islamischen Republik. Selbst im Falle eines Regimewechsels ist es wahrscheinlich, dass diese gesellschaftliche Gruppe weiterhin eine Rolle spielen wird.

3. Innerhalb des Regimes könne eine Spaltung herbeigeführt werden, ein Aufstand organisiert und letztlich ein Bürgerkrieg ausgelöst werden.

Nachdem sich die ersten beiden Annahmen als trügerisch erwiesen haben, scheint die US-israelische Strategie nun stark auf dieses dritte Szenario zu setzen.

Doch möglicherweise wird sich auch diese Annahme als irreführend erweisen.

Angesichts der enormen Informations- und Geheimdienstressourcen, über die die Entscheidungsträger in Washington und Tel Aviv verfügen, ist es bemerkenswert, dass ihre Strategien offenbar auf Annahmen beruhen, die entweder falsch oder zumindest bislang nicht getestet sind.

Es sei denn, sie gehen dieses Risiko bewusst ein.

Chomeini war der Architekt der Revolution – Chamenei jedoch der Architekt des Systems

Was geschah nach dem sogenannten Zwölf-Tage-Krieg und den landesweiten Protesten, bei denen Tausende Menschen ums Leben kamen?

Das iranische Regime brach weder durch begrenzte militärische Operationen noch durch landesweite Demonstrationen zusammen. Im Gegenteil: Es gelang ihm, sich erneut zu konsolidieren. Auch die US-israelische Operation vom 28. Februar beruhte offenbar auf der Annahme, dass eine größere militärische Intervention rasch Ergebnisse liefern könnte.

Zudem wurde bereits am ersten Tag des Krieges Chamenei – der weithin als Architekt des iranischen Staatssystems gilt – bei einem Attentat getötet. (Chomeini war der Architekt der Revolution. Doch der eigentliche Architekt des Staates und des heutigen Systems war zweifellos Chamenei.) Dennoch wurde bereits einen Tag später ein Führungsrat eingesetzt, der die Kompetenzen des Revolutionsführers übernahm. Für getötete militärische und politische Funktionäre wurden umgehend Nachfolger ernannt. Die aus Geistlichen bestehende Expertenversammlung bereitet inzwischen die Wahl eines neuen Revolutionsführers vor.

Gleichzeitig hat Iran seine militärische Schlagkraft deutlich ausgeweitet – weit über das Niveau des Zwölf-Tage-Krieges hinaus. Mit Drohnen und ballistischen Raketen griff Teheran Ziele in Israel sowie in mehreren Golfstaaten an, die US-Militärstützpunkte beherbergen – darunter die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Oman und Saudi-Arabien. Bis heute gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass Iran bereit wäre, schnell aufzugeben. Trotz Unklarheiten über seine Raketenbestände und Startplattformen greift das Land weiterhin Ziele an – darunter auch Tel Aviv.

Denn Iran spielt auf Zeit. Der Krieg wird zu einem Belastungstest für die Vereinigten Staaten und Israel. Zielt der iranische Raketenbeschuss darauf ab, die USA oder Israel militärisch zu besiegen? Sicherlich nicht.

Die Botschaft lautet vielmehr: „Das Regime ist nicht zusammengebrochen. Es steht noch.“

Wie lange Iran diesen Krieg durchhalten kann, ist unklar. Selbst in den Geheimdiensten der USA und Israels dürfte es darauf keine eindeutige Antwort geben. Gerade deshalb hat Donald Trump signalisiert, dass auch eine Bodenoperation – mit Marines und sogenannten Stellvertreterkämpfern – in Betracht gezogen werden könnte, um Spaltungen innerhalb des Regimes zu provozieren und möglicherweise einen Bürgerkrieg auszulösen.

Wenn von Stellvertreterkämpfern die Rede ist – an wen denkt man zuerst? Leider – und fast zwangsläufig – an die Kurden.

„Wenn ich Persisch spreche, nennen sie mich Irans Mann“

Es ist bekannt, dass Trump direkte Gespräche mit den Koalitionspartnern der Regionalregierung Kurdistan im Irak geführt hat – mit der KDP und der PUK. Berichten zufolge gab es sogar Kontakte zum Vorsitzenden der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran, Hicri.

Doch die Ergebnisse scheinen nicht den Erwartungen zu entsprechen. In westlichen Medien wurde berichtet, von der CIA bewaffnete kurdische Gruppen hätten Angriffe an der iranischen Grenze begonnen. Bislang haben jedoch nahezu alle kurdischen Organisationen diese Berichte dementiert. Eine mögliche Ausnahme bildet die PJAK – die Partei für ein Freies Leben in Kurdistan, die als iranischer Ableger der PKK gilt. Es gibt Hinweise darauf, dass sie über eine Autonomiestruktur nach syrischem Vorbild verhandeln könnte.

Doch Trumps Plan, irakische Kurden als Stellvertreterkämpfer gegen Iran einzusetzen, passt nur bedingt zu den regionalen Realitäten. Vor allem in der Region Suleymaniyya und innerhalb der PUK verfügt der iranische Geheimdienst über erheblichen Einfluss.

Ein führender PUK-Politiker erzählte mir einmal eine aufschlussreiche Anekdote: Bei einem Besuch des früheren irakischen Präsidenten Dschalal Talabani in Teheran soll Chamenei ihn gefragt haben: „Sie sprechen doch sehr gut Persisch – warum sprechen Sie mit mir Arabisch?“ Talabanis Antwort lautete: „Weil man mich sonst Irans Mann nennt.“

Diese Anekdote zeigt, wie komplex die politischen Beziehungen und Wahrnehmungen in der Region sind. Natürlich können sich Allianzen und Machtverhältnisse vor Ort rasch verändern. Doch ebenso gut könnte Trumps Plan, irakische Kurden als Stellvertreterkämpfer gegen Iran einzusetzen, scheitern. Die Regionalregierung Kurdistan hat über Kubat Talabani bereits erklärt, in diesem Konflikt neutral bleiben zu wollen.

Der Krieg gegen Iran wird daher vermutlich länger dauern, als die USA und Israel erwartet haben. Möglicherweise hat er die ursprünglich kalkulierte Dauer bereits überschritten. Es scheint, als hätten die Entscheidungsträger in Washington und Tel Aviv ihre Strategie vollständig auf einen schnellen Zusammenbruch des Regimes aufgebaut. Doch das Regime ist bislang nicht zusammengebrochen. Damit bleibt derzeit nur noch ein Szenario im Raum: ein Bürgerkrieg. Doch was geschieht, wenn es weder zu einer Spaltung innerhalb der Revolutionsgarden noch zu einem Bürgerkrieg kommt?

Zum Schluss

Schon vor diesem Krieg befand sich Iran aufgrund schwerer wirtschaftlicher und politischer Krisen in einem tiefgreifenden Transformationsprozess.

Die Veränderungen im Alltag nach den Mahsa-Amini-Protesten zeigten, dass die iranische Gesellschaft wichtige Fortschritte im Kampf um mehr Freiheit erzielt hatte. Trotz massiver Repression und tausender Todesopfer auf den Straßen gelang es den Menschen, das Regime unter Veränderungsdruck zu setzen.

Der nun von den USA und Israel begonnene Krieg droht jedoch, diese Fortschritte zunichte zu machen. Es wird sogar darüber spekuliert, dass eine noch radikalere Führungspersönlichkeit als Chamenei an die Macht kommen könnte – insbesondere wird sein Sohn Modschtaba Chamenei genannt.

Selbst Donald Trump hat diese Möglichkeit bereits angesprochen. Und genau deshalb könnte dieser Krieg am Ende vor allem eines gefährden: die mühsam errungenen Fortschritte der iranischen Gesellschaft.

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