Ebru Kaymak
Die 97. Verleihung der Academy Awards am 2. März 2025 stand im Zeichen großer Emotionen und politischer Botschaften. Der Dokumentarfilm No Other Land, der bereits bei der Berlinale 2024 als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, erhielt nun auch den Oscar in derselben Kategorie. Die Regisseure des Films – darunter der palästinensische Aktivist Basel Adra und der israelische Journalist Yuval Abraham – nutzten die Bühne, um auf die Situation im Westjordanland und die Notwendigkeit einer politischen Lösung hinzuweisen.
Ein Film über Vertreibung und ungleiche Lebensrealitäten
Der Film dokumentiert das Leben des jungen Palästinensers Basel Adra, der sich gegen die fortschreitende Vertreibung seiner Gemeinschaft in Masafer Yatta durch die israelische Besatzung zur Wehr setzt. Häuser werden abgerissen, Bewohner vertrieben – ein Prozess, den Adra als existenzielle Bedrohung empfindet. Die Begegnung mit Yuval Abraham, einem israelischen Journalisten und Mitregisseur des Films, führt zu einer ungewöhnlichen Allianz. Gemeinsam beleuchten sie die unterschiedlichen Lebensrealitäten von Palästinensern und Israelis, die nur wenige Kilometer voneinander entfernt leben, aber unter völlig verschiedenen rechtlichen Bedingungen.
Politische Botschaften bei der Preisverleihung
In seiner Dankesrede betonte Yuval Abraham die Notwendigkeit eines gerechten Friedens. Er sprach sich für die Freilassung der israelischen Geiseln aus, die am 7. Oktober 2024 entführt wurden, verwies jedoch zugleich auf die strukturelle Ungleichheit zwischen Israelis und Palästinensern: „Wenn ich Basel anschaue, sehe ich meinen Bruder – aber wir sind nicht gleich. Ich lebe als Israeli unter zivilem Recht, während Basel unter Militärgesetzen existiert, die sein Leben kontrollieren und zerstören.“ Abraham übte zudem Kritik an der Außenpolitik der USA: „Es gibt einen anderen Weg – eine politische Lösung ohne ethnische Vorherrschaft, mit nationalen Rechten für beide Völker. Doch die Außenpolitik dieses Landes trägt dazu bei, diesen Weg zu blockieren.“
Basel Adra sprach in seiner Rede über seine persönlichen Hoffnungen: „ Vor etwa zwei Monaten wurde ich Vater, und meine Hoffnung für meine Tochter ist, dass sie nicht das gleiche Leben führen muss wie ich – immer in Angst, immer in Furcht vor der Gewalt der Siedler, vor Hauszerstörungen und gewaltsamen Vertreibungen, die meine Gemeinschaft in Masafar Tag für Tag unter der israelischen Besatzung erleidet.“ Er appellierte an die internationale Gemeinschaft, entschiedene Maßnahmen zu ergreifen, um die Ungerechtigkeit in seiner Heimat zu beenden.
Kontroverse Debatten nach der Berlinale
Bereits nach der Berlinale 2024 gerieten die Regisseure aufgrund ihrer politischen Botschaften in die Kritik. Deutsche Politiker, darunter Kulturstaatsministerin Claudia Roth, äußerten sich kritisch über den Film und bezeichneten ihn als „antisemitisch“. Besonders scharf reagierte Yuval Abraham auf die Vorwürfe. Der jüdische Regisseur, dessen Großvater im Holocaust Angehörige verlor, schrieb auf der Plattform X: „Man kann unsere Aussagen auf der Bühne scharf kritisieren, ohne uns zu dämonisieren. Wenn dies euer Umgang mit eurer Schuld am Holocaust ist – dann will ich eure Schuld nicht.“
Ein Film, der eine Diskussion entfacht
Trotz der Kontroversen – oder gerade ihretwegen – hat No Other Land sein Ziel erreicht: eine internationale Debatte über die Situation in den besetzten Gebieten anzustoßen. Mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm erhält das Werk nun noch mehr Aufmerksamkeit und wird voraussichtlich einem Millionenpublikum zugänglich gemacht.
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