Zehn Jahre nach den Vorfällen, die von der türkischen Regierung als ,,Putschversuch“ dargestellt wurden, rekonstruiert eine griechische Dokumentation eines der sensibelsten Kapitel der jüngeren griechisch-türkischen Beziehungen: die Geschichte von acht türkischen Militärangehörigen, die mit einem Hubschrauber nach Griechenland flohen und dort Schutz suchten.
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Der Flug dauerte nur wenige Minuten. Seine Folgen beschäftigten Griechenland über Jahre.
Am 16. Juli 2016, wenige Stunden nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei, landeten acht türkische Militärangehörige mit einem Hubschrauber im nordgriechischen Alexandroupoli und beantragten Asyl.
Ankara warf ihnen eine Beteiligung am Putschversuch vor und verlangte ihre Auslieferung. Die acht Männer bestritten eine Beteiligung und erklärten, im Falle einer Rückkehr um ihr Leben zu fürchten.
Aus einem Asylverfahren wurde damit innerhalb kürzester Zeit ein Fall, in dem Diplomatie, nationale Sicherheit und die Unabhängigkeit der Justiz unmittelbar aufeinandertrafen.
Die griechische Investigativsendung Medusa der Journalisten Marinos Aleiferis und Giannis Charamidis rekonstruiert nun, was geschah, nachdem die öffentliche Aufmerksamkeit zunächst nachließ.
Zu sehen sind bislang unveröffentlichte Bilder jener Orte, an denen die Männer unter strengen Sicherheitsvorkehrungen lebten: Kinderporträts, die an Wände gezeichnet wurden, ein dort verfasstes Gedicht und Aufnahmen der späteren Wiedervereinigung mit ihren Familien.
Aus einer Hubschrauberlandung wird eine Staatsaffäre
Der damalige griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos berichtet, die griechische Militärführung habe mögliche Unruhen in der Türkei bereits vor dem Putschversuch im Blick gehabt.
„Der Generalstab hatte die politische und militärische Führung bereits im Mai darüber informiert, dass die Möglichkeit eines Putsches in der Türkei bestand“, sagt Kammenos. „Wir waren in Alarmbereitschaft.“
Dimitris Vitsas, damals stellvertretender Verteidigungsminister, erinnert sich an die ersten Minuten nach dem Auftauchen des Hubschraubers:
„Zunächst dachten wir, es könnte sich um eine Provokation handeln. Aber es war ein tatsächliches Asylgesuch.“
Dokumente des griechischen Verteidigungsministeriums bestätigen die damaligen Funktionen: Kammenos war Verteidigungsminister, Vitsas stellvertretender Verteidigungsminister und Admiral Evangelos Apostolakis Chef des Generalstabs der griechischen Streitkräfte.
Der Hubschrauber wurde an die Türkei zurückgegeben.
Die acht Männer nicht.
Am 26. Januar 2017 lehnte der griechische Oberste Gerichtshof die Auslieferung aller acht endgültig ab. Zur Begründung verwies das Gericht unter anderem auf die Gefahr von Menschenrechtsverletzungen sowie auf ein reales Risiko von Folter oder erniedrigender und unmenschlicher Behandlung.
Ankara protestierte scharf. Die türkische Regierung hielt daran fest, dass die Männer am Putschversuch beteiligt gewesen seien, und warf Griechenland vor, mutmaßliche Putschisten zu schützen. Die acht bestritten die Vorwürfe.
„Leider schaltete sich die Justiz ein“
Besonders brisant ist eine Passage der Dokumentation über die ersten Stunden des Falls.
Der Schriftsteller Apostolos Doxiadis, der sich später intensiv für die acht Männer einsetzte, berichtet von einer öffentlichen Äußerung des damaligen Generalstabschefs Evangelos Apostolakis nach dessen Ausscheiden aus dem Amt.
Nach Doxiadis’ Darstellung habe Apostolakis versucht, seinen türkischen Ansprechpartner zu erreichen, um ihm mitzuteilen, die Männer würden zurückgeschickt.
Doxiadis zitiert Apostolakis mit den Worten: „Leider schaltete sich die Justiz ein.“
In der Dokumentation wird diese Aussage durch Doxiadis wiedergegeben; sie stammt dort nicht aus einem neu geführten Interview mit Apostolakis.
Doxiadis vertritt zudem die Auffassung, dass die Entscheidung der Männer, auf dem Flughafen von Alexandroupoli zu landen, letztlich entscheidend für ihren weiteren Weg gewesen sein könnte.
Menschen am Flughafen filmten die Ankunft mit ihren Mobiltelefonen. Die Bilder gelangten ins Fernsehen.
Damit war der Fall öffentlich.
Und ein öffentlich gewordener Asylfall ließ sich nicht mehr ausschließlich auf militärischer oder diplomatischer Ebene behandeln.
Gerettet vor der Auslieferung – aber nicht frei von Angst
Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs verhinderte die Auslieferung. Sicherheit bedeutete sie jedoch noch lange nicht.
Die Männer lebten nach Darstellung der Dokumentation über lange Zeit an geheim gehaltenen Orten und unter umfangreichen Schutzmaßnahmen.
Es bestand die Sorge, türkische Dienste könnten versuchen, sie auf griechischem Boden zu entführen.
„Sie hatten Angst, entführt zu werden“, sagt der Strafrechtler Christos Mylonopoulos. „Sie wurden an unterschiedlichen Orten versteckt.“
Einer der acht, Süleyman, kam schließlich für zehn Tage bei der griechischen Ökonomin Miranda Xafa unter.
Ihr Wohnort hatte eine bemerkenswerte Lage: nur unweit der türkischen Botschaft in Athen.
„Er hatte Angst, dass die Türkei selbst bis hierher reichen könnte“, erinnert sich Xafa. „Die türkische Botschaft liegt direkt nebenan. Er wollte nicht einmal auf den Balkon gehen.“
Auch die Familien der Männer spielen in der Dokumentation eine zentrale Rolle. Einige gelangten später über die Evros-Grenze nach Griechenland. Auf bislang unveröffentlichten Aufnahmen ist zu sehen, wie Familien nach Monaten der Trennung wieder zusammenkommen.
Für Apostolos Doxiadis war der Fall längst mehr als eine politische oder juristische Auseinandersetzung.
„Ich spürte dort den Engel des Todes“, sagt er über einen Besuch bei den Männern. „Als ich ging, umarmte ich sie und sagte ihnen: ‚Ich werde euch helfen.‘“
Mehr als die Geschichte von acht Männern
Heute leben die acht der Dokumentation zufolge nicht mehr in Griechenland. Ihre Wege haben sie in unterschiedliche Länder geführt.
Geblieben ist jedoch eine Frage, die weit über diesen Einzelfall hinausgeht:
Was geschieht, wenn die Auslieferungsforderung eines Staates auf die unabhängige Entscheidung eines Gerichts trifft, das fundamentale Menschenrechte gefährdet sieht?
In Griechenland gab darauf letztlich der Oberste Gerichtshof die Antwort.
Die türkische Regierung akzeptierte sie nicht.
Und für acht Männer zwischen diesen beiden Staaten wurden wenige Minuten Flugzeit zum Beginn eines jahrelangen Lebens hinter verschlossenen Türen.
Für die Dokumentation hier klicken.

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