Die leitende Oberstaatsanwältin von Tunceli, Ebru Cansu, die die Ermittlungen im Fall Gülistan Doku neu aufrollte und vertiefte, hat den entscheidenden Wendepunkt der Untersuchung benannt: Das wichtigste Indiz sei gewesen, dass die von Gülistan genutzte Telefonleitung nach ihrem Verschwinden ein Signal in Ankara aussandte. Nach Angaben Cansus markierte diese technische Feststellung den Moment, in dem sich die Ermittlungen von der These eines Suizids lösten und in Richtung Mord und Beweismanipulation entwickelten. In der Folge wurden neue Verdächtige in die Akte aufgenommen, Telekommunikations- und Kennzeichendatenanalysen ausgeweitet, rund 700 Stunden zusätzliches Videomaterial gesichert und eine Reihe von Operationen durchgeführt.
Bei dem von Cansu erwähnten „Ankara-Signal“ handelt es sich um die Ortung der SIM-Karte von Gülistan Dokus Telefon in einem Bezirk der Hauptstadt nach ihrem Verschwinden. Diese technische Spur habe den entscheidenden Impuls geliefert, da sie den Verdacht begründete, dass nachträglich in die SIM-Karte eingegriffen und die Leitung innerhalb eines bestimmten Personennetzwerks weiterverwendet worden sei.
Die klarste Darstellung der Neuausrichtung der Ermittlungen stammt damit von Cansu selbst. Nach ihrer Versetzung nach Tunceli im Juni 2024 habe sie den Fall unmittelbar wieder aufgenommen, ein Spezialteam gebildet und die über Jahre stagnierende Untersuchung grundlegend neu strukturiert. Entscheidend sei dabei nicht zunächst ein Hinweis aus Aktenvermerken oder Zeugenaussagen gewesen, sondern eben jene technische Spur. „Die in der Akte enthaltenen Notizen und Aussagen geheimer Zeugen waren zweifellos wichtig. Der entscheidende Schwellenmoment war für mich jedoch die Feststellung, dass die von Gülistan genutzte Telefonleitung in einem Bezirk Ankaras ein Signal abgegeben hat“, erklärte Cansu. „Diese technische Erkenntnis hat den Verlauf der Ermittlungen vollständig verändert.“
Nach diesem Wendepunkt wurde das Verfahren erheblich ausgeweitet. Während die Akte bei ihrem Amtsantritt sieben Ordner umfasste, ist sie inzwischen auf vierzehn angewachsen. Parallel dazu wurden städtische Überwachungsvideos, Kennzeichenerfassungssysteme und weiteres Kameramaterial erneut ausgewertet; rund 700 Stunden zusätzlicher Aufnahmen flossen in die Ermittlungen ein. Es folgten neue Einsätze, weitere Verdächtige wurden identifiziert, und gegen den sich in den USA aufhaltenden Umut Altaş wurde eine internationale Fahndung (Red Notice) beantragt.
Auch die strafrechtliche Dimension hat sich deutlich verschärft. Medienberichten zufolge wurden insgesamt zwölf Personen in Untersuchungshaft genommen, darunter der damalige Gouverneur von Tunceli, Tuncay Sonel, sein Sohn Mustafa Türkay Sonel, der frühere Personenschützer Şükrü Eroğlu, der ehemalige Polizist Gökhan Ertok sowie der damalige Chefarzt Çağdaş Özdemir. Andere Beschuldigte wurden unter Auflagen freigelassen.
Damit hat sich der Fall von einer lange Zeit als Vermisstensache behandelten Untersuchung zu einem komplexen Verfahren entwickelt, in dem sich Vorwürfe von Mord, digitaler Manipulation, Urkundenfälschung und Beweisvereitelung überlagern.

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