Der frühere Gouverneur von Tunceli, Tuncay Sonel, ist im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum Verschwinden der Studentin Gülistan Doku wegen des Vorwurfs der Beweisvernichtung verhaftet worden. Die Ermittlungen werden inzwischen nicht mehr lediglich als Vermisstenfall geführt, sondern umfassen den Verdacht auf Mord.
Im Zuge der Untersuchungen zum Verschwinden der in Tunceli studierenden Universitätsstudentin hatte die Staatsanwaltschaft von Tunceli bereits am 14. April die Festnahme mehrerer Verdächtiger angeordnet; elf Personen waren daraufhin in Untersuchungshaft genommen worden.
Ehemaliger Gouverneur festgenommen
Am Dienstag wurde Sonel im Rahmen eines von der Staatsanwaltschaft Erzurum geführten Verfahrens festgenommen. Nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen wurde er im Städtischen Krankenhaus Erzurum medizinisch untersucht und anschließend unter strengen Sicherheitsvorkehrungen dem Gericht vorgeführt.
Nach einer 21 Seiten umfassenden Aussage bei der Staatsanwaltschaft wurde Sonel wegen des Verdachts der Beweisunterdrückung, der Vernichtung amtlicher Dokumente sowie unrechtmäßiger Eingriffe in Informationssysteme dem Gericht mit dem Antrag auf Untersuchungshaft überstellt. Nach seiner richterlichen Vernehmung wurde die Haft angeordnet. Im Anschluss erfolgte eine erneute medizinische Untersuchung, bevor er in die Justizvollzugsanstalt überführt wurde.
Damit stieg die Zahl der im Rahmen der Ermittlungen Inhaftierten auf zwölf.
78 Fragen an den Beschuldigten
Den Ermittlern zufolge wurden Sonel insgesamt 78 Fragen vorgelegt. In der Begründung der Staatsanwaltschaft wird darauf verwiesen, dass unter den 13 festgenommenen Verdächtigen auch sein Sohn, Mustafa Türkay Sonel, sei. Die Handlungen des früheren Gouverneurs seien „mit dem gewöhnlichen Lauf der Dinge nicht vereinbar“ und zielten erkennbar darauf ab, sich der strafrechtlichen Verantwortung zu entziehen.
Vorwürfe im Detail
In dem an das zuständige Strafgericht in Erzurum gerichteten Haftantrag werden zahlreiche Unregelmäßigkeiten nach dem Verschwinden von Gülistan Doku aufgeführt:
Krankenhaus- und Videoaufzeichnungen: Kurz nach dem Verschwinden sollen sowohl Krankenhausdaten als auch Aufnahmen von Überwachungskameras in der Umgebung gelöscht worden sein.
SIM-Karte und soziale Medien: Eine von der Familie neu ausgestellte SIM-Karte sei auf Anweisung Sonels außerhalb der vorgesehenen rechtlichen Verfahren durch unbefugte Personen untersucht worden. Zudem seien soziale Medienkonten heimlich geöffnet und dabei entscheidende Daten gelöscht worden.
Die Staatsanwaltschaft sieht einen dringenden Tatverdacht unter anderem wegen der Vernichtung, Verfälschung oder Unterdrückung von Beweismitteln, der Störung von Informationssystemen, der Verletzung der Privatsphäre, der unrechtmäßigen Erlangung personenbezogener Daten sowie der Manipulation amtlicher Dokumente.
Schweigerecht in Polizeigewahrsam
Während seiner dreitägigen Verwahrung bei der Polizei hatte Sonel von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht. Auf die Frage, ob er eine Aussage machen wolle, soll er erklärt haben: „Ich bin Gouverneur des Staates. Ich gebe der Polizei keine Antwort. Ich mache von meinem Schweigerecht Gebrauch.“

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