Gehen oder Bleiben? Syrische Community zwischen Integration und Rückkehrdebatte

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„80 Prozent könnten zurückkehren“ – Merz sorgte für Debatte

Ebru Kaymak

Frankfurt. Bis zu 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrerinnen und Syrer könnten innerhalb von drei Jahren in ihr Heimatland zurückkehren. Diese Einschätzung äußerte Bundeskanzler Friedrich Merz beim Besuch des syrischen Interims-Präsidenten Ahmed al-Scharaa im März. Doch wie realistisch ist ein solches Szenario und welche Folgen hätte eine Rückkehr Hunderttausender Menschen für Deutschland?

Über diese Fragen diskutierten am Dienstag Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Gesellschaft, Kirche und Medizin bei einer Veranstaltung des Interkulturellen Mediendialogs Rhein-Main unter dem Titel „Gehen oder Bleiben? Aktuelle Debatten um Menschen mit syrischer Herkunft in Deutschland“.

In Deutschland leben derzeit rund 1,3 Millionen Menschen mit syrischer Herkunft. Etwa 250.000 von ihnen besitzen inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft. Viele arbeiten in Unternehmen, Krankenhäusern, Schulen und Behörden, haben Familien gegründet und sich langfristig eine neue Existenz aufgebaut. Vor diesem Hintergrund stieß die Annahme einer massenhaften Rückkehr auf erhebliche Skepsis.

Moderiert von Dr. Carmen Colinas (Neue Deutsche Medienmacher:innen) diskutierten Zemfira Dlovani (Bundesvorstand der Frauen Union), Kevin Trah-Bente (Co-Vorsitzender der SPD Hessen-Süd), Diakon Amill Gorges (Syrisch-Orthodoxe Kirche), Obada Barmou (Bundesarbeitsgemeinschaft Migration und Flucht sowie Landesvorstand Rheinland-Pfalz von Bündnis 90/Die Grünen) sowie Dr. Faisal Shehadeh, Mitbegründer des Verbandes der syrischen Ärzte und Apotheker in Deutschland.

Zwischen neuer Heimat und alter Herkunft

Die Diskussion machte deutlich, dass viele syrischstämmige Menschen ihre Zukunft inzwischen in Deutschland sehen. Mehrere Teilnehmende verwiesen darauf, dass die politische Debatte häufig von der Annahme geprägt sei, eine Rückkehr nach Syrien sei nach dem Ende des Assad-Regimes nur eine Frage der Zeit. Diese Sichtweise werde jedoch der Lebensrealität vieler Betroffener nicht gerecht.

Kritisch diskutiert wurde zudem die verbreitete Unterscheidung zwischen „integrierten“ und „nicht integrierten“ Migrantinnen und Migranten. Eine solche Einteilung könne zur Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen beitragen und die tatsächliche Vielfalt der syrischen Community in Deutschland ausblenden.

Rückkehrwelle unrealistisch

Besonders deutlich widersprach Dr. Faisal Shehadeh der Vorstellung einer groß angelegten Rückkehrbewegung. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass mehr als ein Prozent der Syrerinnen und Syrer in Deutschland in den nächsten fünf Jahren nach Syrien zurückkehren werden“, sagte er. Als Beispiel verwies er auf den Gesundheitssektor: „Von den rund 8.000 syrischen Ärzten in Deutschland sind bisher nur fünf zurückgekehrt.“

Gleichzeitig bestand Einigkeit darüber, dass die Frage der Rückkehr nicht ausschließlich unter dem Aspekt von Abschiebungen betrachtet werden sollte. Vielmehr müsse es darum gehen, Bedingungen zu schaffen, die eine freiwillige Rückkehr ermöglichen. Dazu gehörten politische Stabilität, Rechtssicherheit, wirtschaftliche Perspektiven und funktionierende staatliche Strukturen.

Syrien zwischen Wiederaufbau und Versöhnung

Mehrere Diskussionsteilnehmende verwiesen darauf, dass die Aufnahme vieler syrischer Flüchtlinge eng mit der Repression und Gewalt des Assad-Regimes verbunden gewesen sei. Mit dem politischen Wandel in Syrien stelle sich daher die Frage, wie die aktuelle Lage neu bewertet werden müsse. Gleichzeitig wurden die enormen Herausforderungen eines Wiederaufbaus hervorgehoben. Neben der Sicherheitslage wurden insbesondere die zerstörte Infrastruktur, Defizite im Bildungswesen sowie die schwierige Situation im Gesundheitssektor genannt.

Dabei wurde wiederholt betont, dass Wiederaufbauhilfe nicht bedingungslos erfolgen dürfe. Nachhaltiger Wiederaufbau müsse an rechtsstaatliche Prinzipien, den Schutz von Minderheiten, politische Teilhabe sowie die Achtung der Menschenrechte geknüpft werden. Ohne diese Voraussetzungen bestehe die Gefahr, alte Konflikte fortzuschreiben statt neue Perspektiven zu schaffen.

Im Zentrum stand zudem eine Frage, die über den materiellen Wiederaufbau hinausgeht: Wie kann Versöhnung gelingen? Mehrere Teilnehmende verwiesen darauf, dass Versöhnungsarbeit innerhalb Syriens angesichts der Zerstörung, Vertreibung und tiefen gesellschaftlichen Spaltungen derzeit nur schwer möglich sei. Umso wichtiger sei die Rolle der syrischen Diaspora. Die Frage, wie Menschen unterschiedlicher politischer, religiöser und ethnischer Hintergründe bereits heute miteinander ins Gespräch kommen, einander zuhören und Vertrauen wieder aufbauen können, wurde als zentrale Herausforderung für die Zukunft Syriens beschrieben.

Medien als Brückenbauer

Auch die Rolle der Medien wurde thematisiert. Sie könnten einen wichtigen Beitrag dazu leisten, über die aktuelle Situation in Syrien differenziert zu informieren, Minderheiten sichtbar zu machen und die Aufarbeitung jahrzehntelanger Menschenrechtsverletzungen zu begleiten. Gleichzeitig könnten Medien Räume für Dialog schaffen und gesellschaftliche Verständigungsprozesse unterstützen.

Appell für Solidarität und Verantwortung

Organisiert wurde die Veranstaltung vom Interkulturellen Mediendialog Rhein-Main, einer Initiative des Hauses am Dom – Bistum Limburg, der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, der Neuen deutschen Medienmacher sowie der International Journalists Association.

Zum Abschluss wurde die Bedeutung gesellschaftlicher Solidarität hervorgehoben. „Eine Gesellschaft ist dann stark, wenn jeder die Verantwortung für den anderen spürt“, sagte Diakon Amill Gorges. Der Satz fasste einen Grundgedanken des Abends zusammen: Die Zukunft Syriens entscheidet sich nicht allein durch Rückkehr oder Verbleib, sondern auch durch die Fähigkeit, Brücken zu bauen, Verantwortung zu übernehmen und neue Räume für Dialog und Versöhnung zu schaffen.

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