„Unsere Wurzeln nähren“ – Aslıhan Erkişi und Sibel Öztürk mit der neuen musikalischen Aufführung „KÖKKUŞAĞI“

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Gülizar Baki – Köln

Im Café des Kölner Kulturbunkers saßen Frauen aus unterschiedlichen Kulturen, Religionen und mit ganz verschiedenen Lebensgeschichten zusammen. Außer der Tatsache, dass wir alle eine Eintrittskarte für dieselbe Vorstellung gekauft hatten, verband uns nichts. Während wir unsere so vielfältigen Getränke wie wir selbst schlürften, sprachen wir darüber, mit welchen Erwartungen wir gekommen waren.

Die Ärztin nahm einen großen Schluck von ihrer eiskalten Cola und erzählte, sie sei gekommen, um ihre Freundin auf einer Theaterbühne zu sehen, nachdem sie zuvor bereits deren Puppen- und Karagöz-Aufführungen besucht hatte. Karagöz ist ein traditionelles türkisches Schattentheater, in dem kunstvoll gefertigte Figuren hinter einer beleuchteten Leinwand gespielt werden.

Die Spanischlehrerin lauschte dem Klirren der Eiswürfel in ihrem Eiskaffee und sagte, sie wolle Melodien hören, die zu dem Land ihrer Eltern gehörten. Sie war eine in Deutschland geborene und aufgewachsene Deutsche mit türkischen Wurzeln.

Die deutsche Regisseurin Claudia Maurer war gekommen, um ihre Freundin zu sehen, mit der sie bereits die Bühne geteilt hatte. Sie beobachtete jedoch nicht nur deren Auftritt, sondern auch einen gesamten Saal voller Zuschauerinnen und Zuschauer mit türkischen Wurzeln. Nach der Vorstellung stellte sie sich gemeinsam mit ihnen in die lange Schlange, um den Künstlerinnen zu gratulieren. Denn sie sagte: „Ich habe zwar nichts von dem verstanden, was gesagt wurde, aber ich habe Sibels Gefühle tief in meinem Herzen gespürt. Aslıhans Stimme ist großartig. Beide sind große Künstlerinnen.“

Der Stand-up-Comedian mit kugelsicherer Weste und anatolische Volkslieder

Der Großteil des Publikums bestand aus Menschen, die in den vergangenen zehn Jahren nach Deutschland eingewandert waren, türkische Lieder, Volksmusik und persönliche Erinnerungen an die Kulturen Anatoliens mitbrachten. Sie kannten die Künstlerinnen bereits aus der Türkei.

Die Sängerin und Akademikerin Aslıhan Erkişi hatten viele vermutlich schon mehrfach auf der Bühne erlebt. Auch Sibel Öztürk kannten sie sowohl aus dem Theater als auch aus Filmen und Fernsehserien. Nach einer erzwungenen zehnjährigen Unterbrechung trafen die beiden Künstlerinnen ihr Publikum nun auf einer historischen Bühne in Köln wieder.

„Kökkuşağı“ war wie ein Gang durch eine verdunkelte Bibliothek der Kulturen Anatoliens: Mit den Laternen ihrer Kunst führten die Sängerin Aslıhan Erkişi und die Schauspielerin Sibel Öztürk das Publikum hindurch und ließen nach und nach verborgene Winkel im Licht erscheinen.

Während ich meinen kräftigen und heißen Espresso in einem Zug austrank, betrachtete ich die dicken Mauern des Kulturbunkers. Einst hatten hier Frauen und Kinder im Krieg Schutz gesucht. Heute, in Friedenszeiten, kommen Kunstliebhaber hierher.

In den vergangenen zehn Jahren habe ich auf dieser Bühne zahlreiche Künstlerinnen und Künstler mit Migrationsgeschichte erlebt. Ich sah hier beispielsweise den armenischstämmigen Journalisten aus der Türkei, der mit kugelsicherer Weste Stand-up-Comedy machte, ebenso wie den Komiker, der von der türkischen Regierung per internationalem Haftbefehl gesucht wurde. Beide wurden vom Publikum gefeiert.

An diesem Abend war ich wegen der besonderen Aufführung zweier Künstlerinnen und Freunde hier – wegen anatolischer Volkslieder und der Kulturen Anatoliens. Ich war mindestens genauso aufgeregt wie sie.

Beide setzen ihre Arbeit heute in verschiedenen Teilen der Welt fort. Aslıhan Erkişi steht jede Woche an drei oder vier Tagen auf der Bühne. In den USA, wohin sie auswandern musste, hat sie unzählige Schülerinnen und Schüler ausgebildet.

Von Shakespeares Ariel bis zu Binnaz aus Thrakien

Sibel Öztürk führt weiterhin Puppentheater und Karagöz auf. Fast jedes Wochenende tritt sie gemeinsam mit ihrem Partner und Ehemann Serkan Öztürk in verschiedenen europäischen Städten auf.

Sie spielte auch in einer deutschsprachigen Shakespeare-Inszenierung, und dort habe ich sie zum ersten Mal gesehen. Nun betrat sie die Bühne mit einer Erzählung über die Farben Anatoliens, begleitet von den Liedern und Volksweisen Aslıhan Erkişis: Kökkuşağı – ein Wortspiel nach dem türkischen „Gökkuşağı“ („Regenbogen“), bei dem „gök“ („Himmel“) durch „kök“ („Wurzel“) ersetzt wird. So entsteht sinngemäß ein „Wurzelregenbogen“, der für die Vielfalt unserer Wurzeln und Identitäten steht.

An diesem Abend sollte ich erleben, wie zwei bedeutende Künstlerinnen aus der Türkei, die heute fern ihrer Heimat leben, erneut aus ihren Wurzeln Kraft schöpften und wieder aufblühten.

„Kökkuşağı – Eine musikalisch-literarische Reise durch Anatolien.

Ein Auftritt in ihrer Geburtsstadt

Für Aslıhan Erkişi hatte dieser Auftritt in ihrer Geburtsstadt eine besondere Symbolkraft. Es war der 20. Juni, der Weltflüchtlingstag – auf diesen Zufall machte sie ein Zuschauer aufmerksam.

Erkişi wurde als Tochter einer türkischen Familie mit Wurzeln auf dem Balkan in Köln geboren. An diesem Tag stand sie als unfreiwillige Migrantin in ihrer Geburtsstadt auf der Bühne.

Als sie ihr eigenes Lied Dost („Freund“) zum ersten Mal sang, füllten sich die Augen vieler Zuhörer mit Tränen. Was wünscht sich ein Mensch im Leben mehr, als „mit seinen eigenen Farben dort leben zu können, wo er seine Farbe erhalten hat – in seiner Heimat“?

Während Aslıhan Erkişi Lieder und Volksweisen aus Anatolien singt, nimmt Sibel Öztürk das Publikum mit auf eine Reise durch die Landschaften, Kulturen und die Geschichte Anatoliens.

Diese Aufführung war weniger von Trauer geprägt als von einer aufrechten Haltung und gelebter Selbstbehauptung. Die Künstlerinnen bezogen auch ihr Publikum in diese würdevolle, selbstbestimmte Haltung mit ein.

Wie in der legendären Zeile aus Şebnem Ferahs Lied „Ben Bir Mülteciyim“ („Ich bin ein Flüchtling“):

„Ich bin ein Flüchtling. Außer meinem eigenen Herzen habe ich keinen Ort, an dem ich Zuflucht finden kann. Ich bin an einem Ort voller Erinnerungen, die sich zwischen den Büchern versteckt haben.“

Ein ganzer Saal voller Menschen, die Zuflucht in ihren Herzen und ihren Wurzeln suchten, sang deshalb gemeinsam mit Erkişi Sezen Aksus „Firuze“ ohne musikalische Begleitung – nur mit ihren bloßen Stimmen.

Im Saal lagen Begeisterung und Wehmut nah beieinander. Viele Lieder wurden vom Publikum mitgesungen.

Zwei Tage nach der Aufführung

Zwei Tage nach der Vorstellung traf ich die Künstlerinnen im berühmten Café Reichard unter der jahrhundertealten Platane gegenüber dem Kölner Dom.

G.B.: „Wie fühlen Sie sich? Was war Ihr Gefühl unmittelbar nach dem Ende der Aufführung?“

Sibel Öztürk:
„Ich wollte Aslıhan einfach nur umarmen. Nach einer langen Reise war diese Aufführung eine Erleichterung – wie ein gemeinsames Gespräch über unsere Sorgen.“

Aslıhan Erkişi:
„Vor Aufregung konnten wir in dieser Nacht nicht schlafen. Viele von uns leben fern der Heimat. Unsere Seelen sind verletzt. Ich möchte diese Wunden mit Musik heilen.“

G.B.: „Was ist Kökkuşağı? Ein Musical? Wie ist diese Aufführung entstanden?“

Sibel Öztürk:
„Es war ursprünglich Aslıhans Projekt. In den USA wollte sie mit einem Frauenchor anatolische Musik aufführen und lud mich ein, um die Musik mit Erzählungen zu verbinden. Später entwickelte sich das Konzert zu einer Bühnenproduktion. Man kann es nicht direkt ein Musical nennen, aber eine musikalische Aufführung mit Theater und erzählerischen Elementen.“

Aslıhan Erkişi:
„Ich dachte, niemand könnte unsere Arbeit besser beschreiben als Sibel – und genau so war es. Auf der Bühne entstand zwischen uns eine außergewöhnliche Harmonie. Mit Musik und Theater nehmen wir das Publikum mit auf eine Reise durch die Landschaften und Kulturen der Türkei. Die Resonanz in den USA war überwältigend. Als anschließend eine Einladung aus Deutschland kam, war ich besonders aufgeregt, denn ein Auftritt in Köln bedeutete mir sehr viel. Zum ersten Mal stand ich in meiner Geburtsstadt auf der Bühne. Dieses zusätzliche Gefühl lässt sich kaum beschreiben.“

Sibel Öztürk:
„Eigentlich ist diese Aufführung wie das Bewässern unserer Wurzeln. Wir möchten die Wurzeln der dritten und vierten Generation hier zum Erblühen bringen. Unser Publikum hat kein Durchschnittsalter, und es gibt keine Trennung nach Geschlechtern.“

G.B.: Was bedeutet Kökkuşağı?

Aslıhan Erkişi:
„Der Name stammt von unserem Autor und Regisseur Serkan Öztürk. Ganz gleich, in welcher Zeit oder an welchem Ort wir leben – unsere Wurzeln begleiten uns, und genau diese Farben machen uns zu dem, was wir sind. Diese Aufführung führt uns zurück zu unseren Wurzeln.“

Sibel Öztürk:
„Unsere Wurzeln begleiten uns, wohin wir auch gehen. Aber ob wir erneut aufblühen, neue Triebe bilden und unser Leben fortsetzen, liegt in unserer eigenen Hand. Wir erzählen nicht davon, wie sehr uns das Leben in der Fremde verletzt, sondern davon, wie wir mit dieser Sehnsucht leben können. Eigentlich versuchen wir, sowohl uns selbst als auch unserem Umfeld und unserem Publikum Hoffnung zu geben.“

Unter den Zuschauerinnen und Zuschauern waren auch junge Menschen mit familiären Wurzeln in der Türkei, die mit den Klängen und der Kultur ihrer Herkunft aufgewachsen sind. Es war beeindruckend zu sehen, dass auch die junge Generation die Volkslieder mitsang.

Aslıhan Erkişi:
„Volksmusik ist unsterblich und zeitlos. Sie ist unsere Wurzel. Meine Töchter hören Neşet Ertaş. Das bedeutet, die eigenen Wurzeln kennenzulernen. Gerade für die junge Generation sind solche Aufführungen eine Gelegenheit, ihre Herkunft zu entdecken und lieben zu lernen.“

Sibel Öztürk:
„Fremdheit entsteht nicht nur durch räumliche Entfernung. Ein Mensch kann sich auch im eigenen Zuhause fremd fühlen oder sich selbst entfremden. Manche behaupten vielleicht sogar, man gehöre nicht zu diesen Wurzeln. Entscheidend ist jedoch, dass wir – trotz aller Erfahrungen von Ausgrenzung und Entfremdung – mit dem, was wir aus unseren Wurzeln mitnehmen möchten, einen Ort schaffen, an dem wir glücklich sein können. Kökkuşağı öffnet dafür eine Tür, eröffnet einen Horizont. Es geht weniger um Wissen als um Gefühle. Schon während der Proben waren wir tief bewegt. Als das Publikum dies sah, hat es diese Gefühle ebenfalls gespürt. Ich glaube, das galt für Menschen jeden Alters und jeder Lebenserfahrung.“

Migration und Wurzeln – ein Thema so alt wie die Menschheitsgeschichte. Vielleicht werden diese beiden Künstlerinnen ihr Bühnenprogramm Kökkuşağı eines Tages nicht mehr ausschließlich für Menschen mit türkischen Wurzeln, sondern für ein noch breiteres Publikum weiterentwickeln – wer weiß.

Eines wurde mir jedenfalls erneut bewusst: Ganz gleich, welche Wurzeln wir haben und wohin uns das Leben verschlägt – um zu blühen und nicht beim ersten Sturm umzufallen, müssen wir bereit sein, uns aus unseren Wurzeln zu nähren, anstatt sie zu verleugnen.

Wie es eine deutsche Freundin der dritten Generation mit türkischen Wurzeln ausdrückte: Sich fern der eigenen Herkunft aus den eigenen Wurzeln zu nähren, sei „wie in einer Sehnsucht zu leben, auf der Blumen blühen“.

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