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Eine monatelange Kampagne regierungsnaher Stimmen, dann Razzien in 17 Provinzen: Alihan Kuriş, Leiter der als Süleymancılar bekannten Religionsgemeinschaft, und 31 weitere Beschuldigte sitzen in Untersuchungshaft. Ankara spricht von Geldwäsche und Betrug, doch Personen aus dem Umfeld der Gemeinschaft, deren Angehörige sich selbst Süleymanlılar nennen, widersprechen zentralen Behauptungen. Der Fall weckt Erinnerungen an das staatliche Vorgehen gegen die von Gülen inspirierte Bewegung.
Die Staatsanwaltschaft wirft den Beschuldigten unter anderem Geldwäsche, Betrug, Verstöße gegen das Steuerrecht sowie die Bildung beziehungsweise Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vor. Kuriş bestreitet sämtliche Anschuldigungen. Eine rechtskräftige Verurteilung liegt nicht vor.
Der größte Teil der bisher veröffentlichten Informationen stammt von der Staatsanwaltschaft, Regierungsvertretern, der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu und regierungsnahen Medien. Die zugrunde liegenden Beweismittel sind öffentlich nicht einsehbar und konnten bislang nicht unabhängig überprüft werden.
32 Menschen in Untersuchungshaft
Die Polizei hatte am 13. August zeitgleich zahlreiche Gebäude in 17 türkischen Provinzen durchsucht, darunter Standorte in Istanbul, Ankara und Antalya. Nach Behördenangaben betrafen die Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschlüsse 43 Privatadressen sowie 80 Standorte von insgesamt 33 Unternehmen.
Von 38 festgenommenen Personen wurden 32 in Untersuchungshaft genommen. Gegen sechs weitere ordnete das Gericht Auflagen an.
Die Ermittler berufen sich unter anderem auf einen Bericht der türkischen Finanzermittlungsbehörde MASAK. Darin sollen ungewöhnliche Transaktionen, Bargeldeinzahlungen ungeklärter Herkunft und Überweisungen aus dem Ausland aufgeführt sein. Staatsnahe Medien berichteten außerdem über Immobilien, Wertgegenstände und 200 Kilogramm Goldbarren, die im Zusammenhang mit den Ermittlungen gefunden worden sein sollen.
Der vollständige MASAK-Bericht und die dazugehörigen Belege wurden bislang nicht veröffentlicht. Turkish Minute und DW Türkçe geben die Vorwürfe deshalb ausdrücklich als Angaben der Staatsanwaltschaft und staatlicher Stellen wieder.
Stellungnahme aus dem Umfeld der Gemeinschaft
In einer in sozialen Medien verbreiteten Stellungnahme von Personen, die den Süleymanlılar nahestehen, werden mehrere Behauptungen regierungsnaher Medien zurückgewiesen.
So wurde berichtet, Kuriş habe sein Mobiltelefon zu Hause zurückgelassen und sei in einem geheimen Versteck festgenommen worden. In der Stellungnahme wird der Ablauf anders dargestellt: Kuriş habe sich wegen eines bereits geplanten Programms bis zum 16. August im Ausland aufgehalten. Anschließend sei er mit einem selbst gebuchten Ticket in die Türkei zurückgekehrt und selbst zur Polizei in Ankara gegangen.
Auch die Meldung, im Haus von Hilmi Tuna Kuriş seien 200 Kilogramm Goldbarren gefunden worden, wird zurückgewiesen. Demnach befanden sich das Gold und Bargeld nicht in einem Wohnhaus, sondern im Tresor eines Chemieunternehmens. Videoaufnahmen sollen zeigen, wie die Polizei den Firmentresor öffnete und die darin gelagerten Werte herausnahm. Nach Darstellung der Verfasser sei in den Unternehmensregistern keine Eigentumsverbindung zu Alihan Kuriş, Hilmi Tuna Kuriş oder der Religionsgemeinschaft erkennbar.
Zur Behauptung verdächtiger Geldtransfers des Reiseunternehmens Hisar Turizm nach Saudi-Arabien und Israel heißt es, die Zahlungen seien Bestandteil des regulären Reisegeschäfts gewesen. Das seit 41 Jahren tätige Unternehmen organisiere Umra-Reisen nach Saudi-Arabien sowie Reisen nach Jerusalem und zur Al-Aqsa-Moschee. Die betreffenden Transaktionen seien Zahlungen für diese Reiseprogramme und kein Beleg für geheime Finanzbeziehungen.
Zur Sprache kam außerdem eine Software namens „Gloper“, die in einigen Berichten mit der verschlüsselten Kommunikationsanwendung ByLock verglichen wurde. Nach Angaben aus dem Umfeld steht der Name für „Global“ und „Personnel“. Es handle sich nicht um ein Kommunikationsprogramm, sondern um ein System zur zentralen Erfassung von Mitarbeiterdaten in verschiedenen Ländern. Die Anwendung verfüge weder über eine Nachrichtenfunktion noch über verschlüsselte Gesprächsmöglichkeiten.
Die von staatlichen und regierungsnahen Quellen verbreiteten Anschuldigungen sind bisher gerichtlich bewiesen. Eine öffentlich zugängliche Reaktion der Staatsanwaltschaft auf diese konkreten Einwände lag zunächst nicht vor.
Kuriş bestreitet die Vorwürfe
Kuriş soll bei seinen Vernehmungen bestritten haben, eine kriminelle Organisation geführt, Anweisungen zu Straftaten erteilt oder sich an Geldwäsche und Betrug beteiligt zu haben.
Justizminister Akın Gürlek erklärte, die Ermittlungen richteten sich weder gegen eine Glaubensrichtung noch gegen eine Religionsgemeinschaft oder zivilgesellschaftliche Organisation. Es gehe „ausschließlich um die finanzielle Struktur“.
Diese Versicherung steht jedoch im Spannungsverhältnis zur politischen Vorgeschichte der Operation. Bereits mehr als ein Jahr vor den Razzien hatten Politiker und Journalisten aus dem Umfeld der Regierung öffentlich gegen die Süleymanlılar mobilisiert.
„Nun sind die Süleymancılar an der Reihe“
Im Mai 2025 schrieb der regierungsnahe Kolumnist Fuat Uğur, nach dem Vorgehen gegen die Hizmet- beziehungsweise Gülen-Bewegung seien nun die Süleymancılar „an der Reihe“.
Auch Fatih Süleyman Denizolgun, ein Cousin von Kuriş und ehemaliger Abgeordneter der regierenden AKP, verlangte öffentlich eine „finanzielle Operation“ gegen Unternehmen, Vereine und Stiftungen aus dem Umfeld der Gemeinschaft. Er bezeichnete die Gruppe sogar als terroristische Struktur. Eine entsprechende Einstufung durch den türkischen Staat besteht jedoch nicht.
Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte im Mai 2025 von einer „dunklen Organisation“ gesprochen, die sich wie ein Kraken in Kommunen, staatlichen Einrichtungen, Unternehmen, Medien, religiösen Gemeinschaften und Sicherheitsbehörden ausgebreitet habe. Seine Äußerungen bezogen sich in erster Linie auf die Ermittlungen gegen die Istanbuler Stadtverwaltung und den inhaftierten Bürgermeister Ekrem İmamoğlu. Regierungsnahe Kommentatoren brachten sie anschließend jedoch auch mit den Süleymanlılar in Verbindung.
Der Journalist Ruşen Çakır äußerte bereits damals die Vermutung, die Gemeinschaft könne ins Visier der Regierung geraten sein, weil sie die AKP nicht mehr unterstützt und sich möglicherweise der oppositionellen CHP und İmamoğlu angenähert habe. In welchem Umfang eine solche politische Annäherung tatsächlich stattgefunden hat, ist nicht geklärt. Auch die Frankfurter Rundschau berichtete über mögliche politische Motive hinter dem Vorgehen.
Diese Vorgeschichte beweist nicht, dass alle finanziellen Vorwürfe unbegründet sind. Sie wirft aber die Frage auf, ob die Ermittlungen unabhängig aus konkreten Verdachtsmomenten entstanden oder politisch und medial vorbereitet wurden.
Erinnerungen an das Vorgehen gegen die von Gülen inspirierte Bewegung
Das Verfahren erinnert an ein in der Türkei wiederholt beobachtetes Muster: Gesellschaftliche oder religiöse Gruppen werden zunächst in regierungsnahen Medien als undurchsichtig, gefährlich oder wirtschaftlich übermächtig dargestellt. Anschließend folgen strafrechtliche Ermittlungen, groß angelegte Polizeieinsätze, Beschlagnahmungen und die Einsetzung staatlicher Treuhänder.
Besonders deutlich wurde dieses Vorgehen nach dem Bruch zwischen Erdoğan und der Gülen-Bewegung, die sich selber als Hizmet-Bewegung bezeichnet. Die türkische Regierung macht die Bewegung für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich und führt sie als Terrororganisation. Die Bewegung bestreitet eine Beteiligung und lehnt diese Einstufung ab. In demokratischen Staaten wird diese Einstufung ebenfalls nicht anerkannt.
Seitdem wurden Hunderttausende Menschen wegen mutmaßlicher Verbindungen zur Bewegung strafrechtlich verfolgt, Zehntausende inhaftiert und mehr als 120.000 Beschäftigte aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Unternehmen, Schulen, Medienhäuser und umfangreiche Vermögenswerte wurden beschlagnahmt oder staatlichen Treuhändern übertragen.
Beobachter warnen seit Jahren, vergleichbare Methoden könnten auch gegen andere religiöse Gemeinschaften eingesetzt werden, sobald diese der Regierung ihre politische Unterstützung entziehen oder als zu unabhängig wahrgenommen werden.
Direkte Bedeutung für Deutschland
Die Ermittlungen haben auch eine deutsche Dimension. Die Süleymanlılar sind hier vor allem über den Verband der Islamischen Kulturzentren, kurz VIKZ, organisiert. Der 1973 gegründete Verband gehört zu den ältesten muslimischen Dachorganisationen Deutschlands und umfasst nach eigenen Angaben rund 300 örtliche Gemeinden.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nahm 2023 an der Feier zum 50-jährigen Bestehen des Verbandes teil. Dabei würdigte er unter anderem, dass der VIKZ seit den 1980er-Jahren seine Imame in Deutschland ausbildet und viele seiner religiösen Lehrkräfte inzwischen hier geboren oder aufgewachsen sind.
Der türkische Innenminister Mustafa Çiftçi stellte im Zusammenhang mit den Ermittlungen ausdrücklich den Bau einer neuen VIKZ-Zentrale in Köln heraus. Er bezifferte das Projekt auf 70 Millionen US-Dollar und behauptete, die Gemeinschaft wolle nach der Fertigstellung ihre Aktivitäten von dort aus steuern.
Unklar ist, inwiefern der offen geplante Bau eines registrierten deutschen Religionsverbandes einen strafrechtlichen Verdacht begründen soll. Eine öffentlich zugängliche Stellungnahme des VIKZ zu den Festnahmen lag bis Redaktionsschluss nicht vor.
Ein Verfahren unter besonderer Beobachtung
Mögliche Finanzdelikte müssen unabhängig und rechtsstaatlich untersucht werden. Eine Religionsgemeinschaft darf weder vor strafrechtlicher Kontrolle geschützt noch aufgrund ihrer religiösen oder politischen Identität pauschal kriminalisiert werden.
Bislang besteht jedoch ein deutliches Ungleichgewicht: Staatliche Stellen verbreiten detaillierte und teilweise spektakuläre Anschuldigungen, während die Beweismittel öffentlich nicht überprüfbar sind und die Gegendarstellungen kaum Eingang in die Berichterstattung finden.
Ob es sich tatsächlich um eine gewöhnliche Finanzermittlung handelt, wie die Regierung behauptet, oder um den Beginn eines politisch motivierten Vorgehens gegen eine unabhängiger gewordene Religionsgemeinschaft, wird sich nicht an Razzienbildern und Schlagzeilen entscheiden. Maßgeblich sind überprüfbare Beweise, ein transparentes Verfahren und die tatsächliche Unabhängigkeit des Gerichts.

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