Adem Yavuz Arslan
25. September 2026 – veröffentlicht bei Turkish Minute
Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist aus New York zurückgekehrt. Wer sich ausschließlich in den regierungsnahen türkischen Medien informiert, könnte den Eindruck gewinnen, er habe die UN-Generalversammlung dominiert und sei mit einem diplomatischen Durchbruch im Gepäck nach Hause geflogen.
Als ich die Reise von Washington aus verfolgte, stellte sich mir immer wieder eine einfache Frage: Für wen war diese Inszenierung eigentlich bestimmt?
Ging es Erdoğan darum, Vertreter der US-Regierung zu überzeugen, ein internationales Publikum zu erreichen oder Fortschritte bei Themen zu erzielen, auf die Ankara seit Langem drängt? Oder saß das eigentliche Publikum vor den Fernsehern in der Türkei?
Ein Blick auf das Programm liefert zumindest einen Teil der Antwort.
Erdoğan reiste mit einer großen Delegation an. Er sprach vor der UN-Generalversammlung, traf ausländische Staats- und Regierungschefs und nahm an Veranstaltungen im Türkevi, dem Türkischen Haus in New York, teil. Es gab Handschläge, Reden und reichlich Bildmaterial für die türkischen Fernsehsender. Zudem nahm Erdoğan gemeinsam mit US-Präsident Donald Trump und Staats- und Regierungschefs aus den Golfstaaten an einem multilateralen Treffen teil.
Das waren reale diplomatische Begegnungen. Doch ein voller Terminkalender ist noch kein diplomatisches Ergebnis.
Vor der Reise war weithin mit einem persönlichen Treffen zwischen Erdoğan und Trump gerechnet worden. Beide befanden sich schließlich zwar im selben Raum, ein separates bilaterales Gespräch wurde jedoch nicht öffentlich angekündigt.
Auch beim seit Langem angestrebten Wiedereinstieg der Türkei in das F-35-Kampfjetprogramm gab es keinen Durchbruch. Erdoğan selbst erklärte, Washington habe die von Ankara erwarteten „konkreten Schritte“ noch nicht unternommen. Auch bei den F-16 wurde kein neuer Durchbruch bekanntgegeben.
Für die Türkei sind diese Fragen politisch und sicherheitspolitisch weitaus bedeutsamer als die Zahl der Fotos, die während einer Reise in New York entstehen.
Eine substanzielle wirtschaftliche Vereinbarung gab es allerdings: Turkish Airlines schloss eine Bestellung über 100 Boeing 737 MAX ab und sicherte sich Optionen auf weitere 50 Maschinen. Damit wurden Verhandlungen abgeschlossen, die bereits 2025 begonnen hatten.
Das ist ein bedeutender Auftrag für die Luftfahrtindustrie. Er löst jedoch keines der politischen und sicherheitspolitischen Probleme, die die Türkei bislang vom F-35-Programm fernhalten.
Den Boeing-Deal als Beleg für einen umfassenderen diplomatischen Durchbruch darzustellen, würde zwei sehr unterschiedliche Dinge miteinander vermischen.
Auch die Treffen im Türkischen Haus sagen einiges über die politische Dramaturgie der Reise aus.
Eine Zusammenkunft mit Vertretern amerikanischer Thinktanks wurde unter Koordination der regierungsnahen türkischen Denkfabrik SETA organisiert. Erdoğan sprach außerdem vor türkisch-amerikanischen Wirtschaftsvertretern.
Solche Termine haben selbstverständlich ihren Platz im Programm eines Staatspräsidenten. Doch ihre bloße Existenz sagt wenig darüber aus, ob es Ankara gelungen ist, in Washington Positionen zu verändern oder konkrete Zugeständnisse zu erreichen.
Auf Türkisch würde ich es so ausdrücken: „Türken sprechen auf Englisch mit Türken.“
Der Schauplatz ist New York. Die Sprache mag Englisch sein. Die Bilder vermitteln die visuelle Autorität internationaler Diplomatie. Anschließend werden sie in die Türkei übertragen und dort Teil einer politischen Botschaft:
Euer Präsident steht wieder einmal im Zentrum der Weltpolitik.
Die emotional und politisch stärkste Botschaft der Reise lieferte Gaza.
Erdoğan nutzte die Bühne der Vereinten Nationen, um über das Leid der Palästinenser zu sprechen und eine Reform einer internationalen Ordnung zu fordern, die seiner Auffassung nach nicht in der Lage gewesen sei, dieses Leid zu verhindern.
Diese Fragen verdienen ernsthafte Aufmerksamkeit.
Doch die Kraft einer Rede darf eine Regierung nicht von der Frage entbinden, was ihre Diplomatie tatsächlich erreicht hat. Auch die türkische Öffentlichkeit darf fragen, welche konkreten Schritte den Worten folgten – und was sich durch Erdoğans Aufenthalt in New York verändert hat.
Währenddessen entwickelte sich in der Türkei eine ganz andere Geschichte.
Eine Krise um türkische Investmentfonds hatte die Finanzmärkte erschüttert und Fragen zur Arbeit der Aufsichtsbehörden aufgeworfen. Einige Fonds wurden abgewickelt, gegen Verantwortliche liefen Ermittlungen wegen mutmaßlicher Unregelmäßigkeiten.
Dabei handelt es sich um Vorwürfe und eine noch laufende Finanzkrise – nicht um ein abschließendes Urteil über alle Beteiligten.
Gerade deshalb wären dies Themen gewesen, die einen Präsidenten auch auf einer Auslandsreise begleiten sollten – insbesondere einen Präsidenten, der mit einem großen Pressetross unterwegs ist.
Vor seiner Abreise stellte sich Erdoğan im Türkischen Haus den Fragen von Journalisten. In dem veröffentlichten Austausch ging es unter anderem um eine Reform der Vereinten Nationen, Gaza, die Außenpolitik und die Turbulenzen bei türkischen Investmentfonds.
Erdoğan wurde auch direkt zu den Ermittlungen am Kapitalmarkt befragt. Er erklärte, das Problem betreffe lediglich einen begrenzten Teil des Marktes, stelle weder für das Finanzsystem noch für die Gesamtwirtschaft ein Risiko dar und werde von den Aufsichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft verfolgt.
Was in diesem Austausch jedoch weitgehend fehlte, war eine vertiefte Auseinandersetzung mit den entscheidenden Fragen:
Wie konnte ein Problem dieser Größenordnung unter den Augen der zuständigen Regulierungsbehörden entstehen? Gab es Versäumnisse bei der Aufsicht? Und wer trägt dafür möglicherweise politische Verantwortung?
Ein präsidialer Pressetross erfüllt nur begrenzt seinen Zweck, wenn schwierige Themen zwar erwähnt, aber nicht ernsthaft hinterfragt werden.
All das bedeutet nicht, dass Treffen mit internationalen Staats- und Regierungschefs wertlos wären. Ebenso wenig muss jede diplomatische Initiative bereits Ergebnisse liefern, bevor das Präsidentenflugzeug wieder abhebt.
Diplomatie ist häufig ein langwieriger Prozess.
Wer allerdings unmittelbar nach einer Reise einen großen Erfolg verkündet, sollte auch benennen können, worin dieser Erfolg konkret besteht.
Erdoğans New-York-Reise hat eines zweifellos produziert: einen kontinuierlichen Strom wirkungsvoller Bilder, aus denen sich für das türkische Publikum eine Erzählung internationaler Bedeutung und globaler Präsenz formen lässt.
Hinzu kommt ein großer Flugzeugauftrag.
Was die Reise öffentlich jedoch nicht hervorbrachte, war das mit Spannung erwartete bilaterale Treffen mit Donald Trump. Ebenso wenig gab es einen Durchbruch bei jenen verteidigungs- und sicherheitspolitischen Fragen, die das Verhältnis zwischen Washington und Ankara seit Jahren belasten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Erdoğan in New York sichtbar war.
Das war er.
Die Frage ist vielmehr, ob diese Sichtbarkeit den Interessen der Türkei ebenso sehr gedient hat wie seinem politischen Image.
Von Washington aus betrachtet ist das zweite Ergebnis sehr viel deutlicher zu erkennen.
Adem Yavuz Arslan ist Journalist und verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung in der politischen Berichterstattung, im investigativen Journalismus und in der Berichterstattung aus internationalen Konfliktgebieten. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der politischen Entwicklung der Türkei, darunter seine umfangreiche Berichterstattung über den Putschversuch von 2016 und dessen Folgen sowie über Pressefreiheit und Menschenrechte.
Arslan berichtete aus Konfliktregionen wie Bosnien, Kosovo und Irak und recherchierte intensiv zu bedeutenden politischen und gesellschaftlichen Fällen, darunter die Ermordung des türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink. Er ist Autor von vier Büchern und wurde für seine investigative journalistische Arbeit mehrfach ausgezeichnet.
Heute lebt er im Exil in Washington, D.C., und setzt seine journalistische Arbeit über digitale Medien fort, unter anderem über seinen YouTube-Kanal sowie für Turkish Minute, TR724 und X.

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