Gaza-Krankenhausdirektor fordert Erdoğan in offenem Brief zu konkreten Schritten auf

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Dr. Sahr Hamad, Direktor des Kemal-Adwan-Krankenhauses im Gazastreifen, hat sich in einem offenen Brief an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan gewandt und ihn aufgefordert, seine Unterstützung für die Palästinenser nicht nur in Worten, sondern auch in Taten zu zeigen.

Der Brief, der am 19. August vom palästinensischen Journalisten Mohammad AbuTaqiya auf X veröffentlicht wurde, fordert die Türkei auf, eine internationale und islamische Allianz zu schmieden, um „Palästina, sein Volk und seinen Widerstand“ mit praktischen Maßnahmen zu unterstützen.

Hamad zitiert eine Koranstelle: „Warum sagt ihr, was ihr nicht tut?“ und verweist auf Erdoğans frühere Äußerung, die türkische Armee sei „die Armee des Propheten Mohammed“. Er stellt die Frage, worauf Ankara noch warte, während Israels Premierminister Benjamin Netanjahu den Krieg und die Vertreibungspläne ausweite. Er fordert Schritte, die Druck auf Israel ausüben und weitere Vertreibungen verhindern.

In dem Schreiben lobt Hamad frühere türkische Initiativen und betont, dass die Menschen in Gaza die Türkei als „Brudernation“ betrachten. Ein Sieg Israels, so warnt er, würde das religiöse und politische Gleichgewicht in der Region nachhaltig verändern.

Die türkische Regierung verurteilt seit Beginn der Offensive Israels Vorgehen in Gaza, liefert nach eigenen Angaben humanitäre Hilfe, setzt auf Diplomatie und hat ein Handelsverbot angekündigt. Dennoch steht Ankara in der Kritik: Aktivisten werfen der Regierung vor, trotz scharfer Anti-Israel-Rhetorik weiterhin Handel mit Israel zu betreiben. Präsident Erdoğan beschuldigt Israel regelmäßig des „Völkermords“ und vergleicht Netanjahus Politik mit den Methoden des NS-Regimes.

Währenddessen werden pro-palästinensische Aktivisten in der Türkei streng überwacht. Mehrere Personen wurden festgenommen, weil sie gegen die angebliche Fortsetzung des Handels mit Israel protestierten. So nahm die Polizei in Istanbul im vergangenen Monat mindestens 16 Demonstranten fest, die Erdoğan bei einer Protestaktion gegen die 17. Internationale Verteidigungsindustrie-Messe (IDEF 2025) beleidigt haben sollen.

Israel hatte seine Militäroperation im Gazastreifen nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 begonnen, bei dem 1.206 Menschen getötet und etwa 250 Geiseln genommen wurden. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza hat die israelische Armee seitdem mindestens 62.000 Palästinenser getötet und über 157.000 verletzt.

Eine gemeinsame Recherche von +972 Magazine, Local Call und The Guardian ergab, dass eine interne Datenbank des israelischen Militärs 47.653 Mitglieder der Hamas und des Islamischen Dschihad (PIJ) auflistet. Bis Mai seien davon rund 8.900 getötet worden – 7.330 bestätigt, 1.570 als wahrscheinlich eingestuft. Verglichen mit der damaligen Opferzahl von 53.000 deutet dies darauf hin, dass mindestens 83 Prozent der Toten Zivilisten waren.

Das israelische Militär bestätigte die Existenz der Datenbank, wies die genannten Zahlen jedoch zurück und erklärte, die Opferzahlen unter Kämpfern seien deutlich höher.

Amnesty International stufte die israelischen Angriffe in einem Bericht vom 5. Dezember als Völkermord ein.

Das Kemal-Adwan-Krankenhaus im Norden Gazas meldet seit Beginn der Offensive gravierende Versorgungsengpässe. Hamad betont in seinem Schreiben, dass die Menschen dort täglich unter Angriffen leiden, und fordert Erdoğan auf, Maßnahmen zu ergreifen, um die Verantwortlichen „einzukreisen, zu stoppen und zur Rechenschaft zu ziehen“.

 

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