Ein massiver Fälschungsskandal erschüttert derzeit die Türkei und legt schonungslos offen, wie anfällig die digitale Identitäts- und Verwaltungsinfrastruktur des Landes ist. Die Vorwürfe wiegen schwer: Ein professionell organisiertes Netzwerk soll mithilfe gestohlener oder manipuliert erstellter elektronischer Signaturen offizielle Dokumente gefälscht und direkt in zentrale staatliche Systeme eingeschleust haben – darunter das E-Government-Portal e-Devlet und universitäre Informationsplattformen. So wurden offenbar Personen ohne entsprechende Qualifikation zu Hochschulabsolventen „gemacht“ – selbst Abschlüsse verstorbener Erdbebenopfer sollen auf diese Weise unrechtmäßig umgeschrieben und missbraucht worden sein.
Was in Fachkreisen seit längerem gemunkelt wurde, nahm im September 2024 erstmals öffentlich Kontur an. Erstmals durch die Enthüllungssendung Kayda Geçsin auf dem oppositionellen Fernsehsender Halk TV. Seitdem reißt die Kette neuer Enthüllungen nicht ab.
Was ist e-Devlet?
Bei e-Devlet handelt es sich um das zentrale digitale Bürgerportal der Türkei. Es ermöglicht die Abwicklung zahlreicher staatlicher Dienstleistungen auf elektronischem Wege – von der Steuerbescheinigung über Sozialversicherungsdaten bis hin zur Einsicht von Bildungsabschlüssen. Das Portal bildet eine Schnittstelle zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Ministerien, Universitäten, Kommunalverwaltungen und sonstigen öffentlichen Stellen. Umso schwerer wiegt der Vorwurf, dieses System sei offenbar über Monate hinweg, systematisch unterwandert worden.
Hunderte mutmaßlich unrechtmäßige akademische Titel
Den bisherigen Ermittlungsergebnissen zufolge, die durch die Generalstaatsanwaltschaft Ankara koordiniert werden, sollen etwa 400 Personen mithilfe gefälschter Diplome Professuren oder Dozenturen erlangt haben. Namen wurden bislang nicht veröffentlicht. Doch allein die Größenordnung lässt aufhorchen.
Der Vorsitzende des türkischen Hochschulrats (YÖK), Erol Özvar, hatte sich zunächst auffallend lange nicht zu dem Skandal geäußert. Erst angesichts massiver öffentlicher Kritik meldete er sich zu Wort und sprach von einem „äußerst schwerwiegenden Vorfall“. Sowohl der Rat als auch die betroffenen Hochschulen hätten, so Özvar, interne Untersuchungen eingeleitet. Die entsprechenden Schreiben seien bereits verschickt worden.
Özvar, der seit August 2021 im Amt ist und am 1. August 2025 von Präsident Erdoğan erneut zum YÖK-Vorsitzenden berufen wurde, plädiert überdies für eine gesetzliche Neuregelung, um künftige Manipulationen zu verhindern. In der staatsanwaltlichen Hauptuntersuchung drohen derzeit 65 Beschuldigten Haftstrafen zwischen fünf und fünfzig Jahren.
E-Signaturen gestohlen – auch Ministerien betroffen
Im Zentrum der Affäre steht die missbräuchliche Nutzung von rund 270 sogenannten E-Signaturen, die mutmaßlich aus staatlichen Institutionen entwendet oder dort generiert wurden. Nach bisherigem Kenntnisstand waren auch die Behörde für Informations- und Kommunikationstechnologien (BTK) sowie der Hochschulrat (YÖK) selbst betroffen. Daten hochrangiger Mitarbeiter sollen abgeflossen sein – darunter auch die digitale Unterschrift des Stellvertretenden Ministers für Verkehr und Infrastruktur Ömer Fatih Sayan, der zugleich für die BTK zuständig ist. Auch die Unterschrift des Direktors der Abteilung für Lehre und Studium im YÖK wurde offenbar kompromittiert.
Mittels der manipulierten Dokumente sollen etwa 400 akademische Ernennungen vorgenommen worden sein. Auch im öffentlichen Dienst kamen die gefälschten Papiere offenbar zum Einsatz, unter anderem bei Beförderungen.
Politische Nähe: Namen aus dem AKP-Umfeld
Ermittlungsakten, die inzwischen durchgestochen wurden, werfen zudem ein politisches Schlaglicht auf die Affäre. In geleakten Namenslisten finden sich mutmaßlich auch Angehörige des politischen Umfelds der regierenden AKP. Aus den Reihen der Opposition wird daher scharfe Kritik laut: Die Affäre werde verschleppt, politische Verantwortlichkeiten würden bewusst ausgeklammert. „Wer sind diese Personen?“ – diese Frage dominiert inzwischen den öffentlichen Diskurs. Weder die AKP noch das Innenministerium haben bislang zu den Vorwürfen Stellung genommen.
Vertrauensverlust in die staatliche Infrastruktur
Was zunächst wie ein Fall krimineller Energie Einzelner anmutete, hat sich zu einer Systemkrise ausgeweitet. Die Affäre wirft grundlegende Fragen auf: nach der Integrität staatlicher Kontrollinstanzen, nach der Sicherheit digitaler Verwaltungsstrukturen und nicht zuletzt nach der Zuverlässigkeit von Auswahlverfahren im öffentlichen Dienst. Forderungen nach vollständiger Transparenz und einer umfassenden Reform des e-Devlet-Systems werden lauter.
Der Fall Sayan
Im Mittelpunkt der Kritik steht zunehmend Ömer Fatih Sayan, Stellvertretender Minister für Verkehr und Infrastruktur. Er galt lange als Musterkarrierist: Mit 30 Jahren Berater des Premierministers, mit 38 Präsident der BTK, mit 41 Staatssekretär. Ein Mann mit sechs Studienabschlüssen, zwei Promotionen und zahlreichen Zertifikatsnachweisen – so zumindest das offizielle Bild. Dass ausgerechnet Sayan die schwerwiegende Manipulation in seinem Verantwortungsbereich nicht bemerkte, sorgt für zunehmende Irritationen. Der Journalist Deniz Zeyrek formulierte es öffentlich so: „Wie kann jemand mit einem so eindrucksvollen Lebenslauf die Fälscher übersehen haben?“
Der Ankara-Korrespondent und Kolumnist der Zeitung Nefes, Deniz Zeyrek, nahm sich des Lebenslaufs von Ömer Fatih Sayan an, der als stellvertretender Minister für die dem BTK unterstellte IT-Sicherheit verantwortlich ist. In seiner Kolumne thematisierte Zeyrek die auffälligen Widersprüche im Werdegang Sayans. Demnach wies Sayan in seinem Lebenslauf den Abschluss von sechs Fakultäten, zwei Master- sowie zwei Promotionsprogrammen und zusätzlich 13 Zertifikatskursen aus.
Nach der vielbeachteten Veröffentlichung von Zeyreks Artikel entfernte Sayan jene vier Bachelor-Abschlüsse, die er zuvor der Anadolu-Universität zugeschrieben hatte, von seiner offiziellen Webseite.
Familiäre Verflechtungen verstärken den Druck
Hinzu kommen familiäre Verbindungen in höchste Regierungskreise. Sayan ist der Bruder von Fatma Betül Sayan Kaya, der ehemaligen Familienministerin. Bereits 2008 war sie wegen eines von der Stadt Istanbul finanzierten Stipendiums in Höhe von 85.000 US-Dollar in die Kritik geraten. Beobachter sehen in der Familie Sayan ein Beispiel für die enge personelle Verschränkung zwischen Politik und der (Aus-)Nutzung öffentlicher Ressourcen.
Zudem wurden Zweifel an der juristischen Qualifikation Sayans laut. Laut der Universität Yıldırım Beyazıt ist für das Promotionsstudium im Privatrecht ein fachlich einschlägiger Masterabschluss mit wissenschaftlicher Arbeit erforderlich, ein solcher liegt Sayan offenbar nicht vor. Seine Abschlüsse in Nachrichtentechnik und Biomedizintechnik reichen juristisch nicht aus. Wie also kam es zur Zulassung?
Die Regierung schweigt – und schürt Verdacht
Während die Affäre zunehmend Kreise zieht, bleibt eine substanziell belastbare Reaktion aus dem Präsidialamt bislang aus. Das jüngste Ausscheiden des langjährigen Kommunikationschefs Fahrettin Altun wird im politischen Kontext diskutiert: Kritische Stimmen mutmaßen, er habe im Zuge seines Rückzugs brisante Unterlagen mitgenommen. Ein Vorwurf, der nicht belegt ist aber zur Atmosphäre des Misstrauens beiträgt.
Der digitale Schwarzmarkt floriert im Verborgenen
Parallel zu den Ermittlungen auf offizieller Ebene floriert der Handel mit gefälschten Dokumenten im digitalen Untergrund weiter. Auf Plattformen im sogenannten Deep Web, die über den Tor-Browser zugänglich sind und von herkömmlichen Suchmaschinen nicht erfasst werden, werden Diplome, Führerscheine und Pässe zum Verkauf angeboten, mit dem expliziten Versprechen, dass diese in e-Devlet sichtbar seien.
Wie die Zeitung Sözcü berichtet, wurde gegen 199 Verdächtige Anklage erhoben, 37 davon wurden in Untersuchungshaft genommen. Ein gefälschtes Diplom kostet rund 1000 Dollar, zahlbar ausschließlich in der anonymen Kryptowährung Monero. Die Anbieter werben damit, dass ihre Produkte in offiziellen Systemen hinterlegt und daher schwer überprüfbar seien. Auch graue Pässe, Sprachprüfungsergebnisse und gestohlene Elektronikartikel sind im Sortiment zu finden.
Der Skandal wirft eine Grundsatzfrage auf: Wenn in einem Land zentrale staatliche Systeme so manipuliert werden können, dass aus dem Nichts akademische Titel, berufliche Qualifikationen oder amtliche Dokumente entstehen, worauf lässt sich dann noch vertrauen? In einer digitalen Verwaltung, deren Integrität nicht gesichert ist, erodiert nicht nur das Vertrauen in Behörden, sondern das Fundament staatlicher Glaubwürdigkeit selbst.

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