Nach Orbán: Gefangen in einem politischen Kontinuum?

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Analyse⎥Yasemin Aydın

Viktor Orbán ist nicht länger an der Macht in Ungarn.
Auf institutioneller Ebene markiert dies einen Bruch. Auf der Ebene der politischen Kultur ist weit weniger klar, ob tatsächlich etwas zu Ende gegangen ist.

Im ungarischen Staatsfernsehen sitzt Péter Magyar einer sichtbar verunsicherten Moderatorin gegenüber.
Was als routinemäßiges Interview beginnt, entwickelt sich rasch zu einer Konfrontation. Er beschuldigt den Sender- wohlbemerkt in dessen eigener Sendung -, als Propagandamaschine zu agieren, Falschinformationen zu verbreiten, und zieht sogar Vergleiche zu „nordkoreanischer“ Medienpraxis.
Wenige Tage später signalisiert er, dass der staatliche Rundfunk selbst ausgesetzt werden könnte.

Die Szene ist nicht nur inhaltlich bemerkenswert, sondern auch in ihrer Form.
Eine einzelne Figur, eine direkte Konfrontation, der Anspruch, Wahrheit gegen ein korruptes System zu vertreten – ausgestrahlt über genau jene Institution, die angegriffen wird.

Was wir beobachten, ist nicht einfach ein Machtwechsel. Es ist ein Moment, in dem eine Gesellschaft, die über mehr als ein Jahrzehnt durch autoritären Populismus geprägt wurde, mit einem Paradox konfrontiert ist: Ob die Instrumente, mit denen sie gegen illiberale Herrschaft mobilisiert wurde, genutzt werden können, ohne dabei genau jene Logik zu reproduzieren, die überwunden werden soll.

Oft wird dies mit einem gewissen Optimismus als Möglichkeit verstanden, autoritären Populismus durch demokratischen Populismus zu besiegen. Doch eine solche Perspektive unterschätzt die Tiefe, auf der Populismus wirkt.

Populismus als politische Kultur – nicht als Strategie

In vielen öffentlichen Debatten wird Populismus als politische Strategie behandelt: als Sammlung von Slogans, Narrativen und Mobilisierungstechniken. Aus sozialanthropologischer und sozialpsychologischer Perspektive greift das zu kurz.

Populismus sollte viel mehr als kulturell-kognitives Schema zu verstehen: als eine Weise, politische Realität entlang moralischer Dichotomien, affektiver Intensitäten und vereinfachter Handlungsmuster zu strukturieren. Er reduziert die Komplexität sozialer Wirklichkeit auf einen Gegensatz zwischen einem tugendhaften Kollektiv („das Volk“) und einem delegitimierten Anderen („die Elite“, „die Korrupten“, „die Feinde“).

Solche Schemata lassen sich nicht einfach ablegen. Sie werden durch Wiederholung, Medienumgebungen und institutionelle Praktiken verinnerlicht. Im Laufe der Zeit formen sie das, was Pierre Bourdieu als politischen Habitus bezeichnete: ein Ensemble von Dispositionen, das Wahrnehmung und Handeln strukturiert, ohne bewusst reflektiert werden zu müssen.

Orbáns politisches Projekt hat nicht nur Institutionen verändert – es hat diesen Habitus neu kalibriert.

Die Internalisierung von Führung

Eine der folgenreichsten Verschiebungen ist die Normalisierung einer führungszentrierten Repräsentation. In diesem Modell wird Legitimität nicht über Institutionen vermittelt, sondern in Personen verkörpert. Vertrauen wird personalisiert, Rechenschaftspflicht tritt in den Hintergrund gegenüber wahrgenommener Authentizität oder Stärke.

Der Aufstieg von Péter Magyar muss genau in diesem veränderten Feld verortet werden. Seine politische Anziehungskraft entsteht nicht im Vakuum. Sie wirkt gerade deshalb, weil sie – zumindest teilweise – an sozial erzeugte Erwartungen anschließt.

Aus sozialpsychologischer Sicht lässt sich dies als eine Verschiebung charismatischer Bindung beschreiben. Wählerinnen und Wähler, die von einer Führungsperson enttäuscht sind, geben nicht notwendigerweise das Bedürfnis nach personalisierter Autorität auf. Sie richten es neu aus.

Das ist kein Versagen von Rationalität. Es ist eine Reaktion auf anhaltende Unsicherheit.

Unsicherheit, kognitive Schließung und das Bedürfnis nach Einfachheit

Jahrzehntelange Forschung in der Sozialpsychologie – insbesondere zur „Need for Cognitive Closure“ – zeigt, dass Menschen unter Bedingungen anhaltender Unsicherheit klare, eindeutige und entschlossene Deutungsangebote bevorzugen.

Ungarns jüngste Entwicklung – wirtschaftliche Volatilität, institutioneller Abbau, geopolitische Spannungen – hat genau solche Bedingungen hervorgebracht.

Populistische Politik, ob autoritär oder demokratisch ausgerichtet, bietet darauf eine Antwort: Sie vereinfacht.
Sie sagt den Menschen, wer sie sind.
Sie sagt ihnen, wer verantwortlich ist.
Und sie verspricht, dass jemand entschlossen in ihrem Namen handeln kann.

Das Problem ist nicht, dass dies überzeugt.
Das Problem ist, dass es verändert, was Bürgerinnen und Bürger überhaupt von Politik erwarten.

Das Risiko eines populistischen Kontinuums

Wenn Populismus auf der Ebene des politischen Habitus verankert ist, dann führen Machtwechsel nicht zwangsläufig zu einem Wechsel der Logik. Stattdessen entsteht das, was man als populistisches Kontinuum bezeichnen kann: eine Situation, in der unterschiedliche politische Akteure innerhalb desselben grundlegenden Repräsentationsrahmens konkurrieren – führungszentriert, moralisch polarisiert, affektiv aufgeladen.

Die Sprache mag sich verändern – von Exklusion zu Inklusion, von autoritären zu demokratischen Ansprüchen. Doch die Struktur bleibt bestehen.

Genau hier wird die Idee eines „demokratischen Populismus“ analytisch fragil. Denn sie setzt voraus, dass sich Populismus normativ umlenken lässt, ohne strukturell reproduziert zu werden.

Die gefährliche Stärke großer Mehrheiten

Die aktuelle politische Situation bringt eine zusätzliche Komplexität mit sich: die Möglichkeit eines überwältigenden Wahlerfolgs der neuen politischen Kraft.

Institutionell kann eine solche Mehrheit notwendig sein, um verfestigte illiberale Strukturen abzubauen. Soziologisch jedoch erzeugt sie das, was man als majoritäre Versuchung bezeichnen kann.

Große Mandate schaffen ein Gefühl moralischer Legitimität, das die Wahrnehmung von Grenzen schwächen kann. Die Unterscheidung zwischen dem Recht zu regieren und dem Recht, das System einseitig umzugestalten, beginnt zu verschwimmen.

Genau auf diese Spannung hat István Bibó hingewiesen: die Gefahr, dass politische Akteure im Namen des Volksinteresses jene Grenzen umgehen, die demokratisches Zusammenleben erst ermöglichen. 

Autoritäre Rückstände: Das Nachleben der Macht

Aus anthropologischer Perspektive verschwindet Macht nicht einfach – sie lagert sich ab. Was nach langen Phasen zentralisierter Herrschaft bleibt, ist nicht nur ein institutionelles Gefüge aus Gesetzen und Hierarchien, sondern auch ein kultureller Abdruck: verkörperte Praktiken, Erwartungen und symbolische Codes.

Pierre Bourdieu beschrieb dies als Habitus: internalisierte Dispositionen, die fortbestehen, selbst wenn sich äußere Strukturen verändern.

Diese Rückstände wirken subtil. Sie zeigen sich in:

  • Kommunikationsstilen, die Gewissheit über Deliberation stellen
  • Erwartungen an Führung, die Entschlossenheit über Rechenschaft priorisieren
  • politischen Normen, die Widerspruch als Bedrohung statt als Pluralität rahmen

Forschung zu postautoritären Gesellschaften zeigt konsistent, dass solche Muster lange über Systemwechsel hinaus bestehen. Katherine Verdery etwa zeigte, wie sozialistische Machtstrukturen in Osteuropa als „soziale Fakten“ fortbestanden. Ebenso betonen Steven Levitsky und Lucan Way, dass informelle Institutionen demokratische Übergänge oft überdauern.

Ungarns post-Orbán-Moment ist daher kein anthropologischer Bruch. Er ist ein geschichteter Raum, durchzogen von autoritären Residuen.

Jenseits des instrumentellen Populismus

Damit stellt sich eine schwierigere Frage: Nicht, ob demokratische Akteure Populismus effektiv nutzen können, sondern ob sie sich aus seiner Logik lösen können.

Ernesto Laclau argumentierte, Populismus sei ein unvermeidlicher Bestandteil demokratischer Politik. Doch selbst innerhalb dieses Rahmens bleibt die Grenze zwischen Mobilisierung und Simplifizierung fragil.

Sobald Politik dauerhaft über moralische Dichotomien und personalisierte Führung artikuliert wird, wird es strukturell schwierig, zu pluralistischen Vermittlungsformen zurückzukehren.

Jenseits des Populismus zu gehen bedeutet daher nicht, politische Energie aufzugeben, sondern sie anders zu organisieren.

Das erfordert mehr als institutionelle Reformen. Es verlangt eine Transformation politischer Kultur:

  • von Personalisierung zu institutioneller Vermittlung
  • von moralischer Polarisierung zu pluralistischer Anerkennung
  • von Unmittelbarkeit zu prozeduraler Ordnung

Aus sozialpsychologischer Sicht ist dies besonders anspruchsvoll. Menschen, die lange Unsicherheit ausgesetzt sind, entwickeln eine Präferenz für klare und stabile Deutungen. Populismus bedient genau dieses Bedürfnis.

Diese Dynamik umzukehren bedeutet, Ambiguitätstoleranz wieder zu erlernen: ein Prinzip, das politische Theoretiker wie Hannah Arendt als zentral für pluralistische Gesellschaften beschrieben haben.

Eine fragile Transition

Ungarn steht an einem kritischen Punkt. Der Fall Orbáns eröffnet einen Möglichkeitsraum, doch Möglichkeiten sind noch lange keine Ergebnisse.

Wenn der Übergang zu stark auf die mobilisierende Logik des Populismus setzt, selbst in demokratischer Form, besteht die Gefahr, dass genau jene Strukturen stabilisiert werden, die eigentlich überwunden werden sollen.

Wenn der Übergang jedoch einen nachhaltigeren Weg einschlägt – Vertrauen in Institutionen wiederaufbaut, Dissens normalisiert und Macht begrenzt –, dann könnte eine andere Entwicklung möglich werden.

Das ist aber natürlich keine Politik schneller Erfolge.
Sie ist frustrierender – und definitiv nicht so laut und sichtbar wie der populistische.

Orbáns Ära mag vorbei sein.
Doch das, was sie möglich gemacht hat, ist noch da.

In Gewohnheiten.
In Erwartungen.
In der Art, wie Politik gedacht wird.

Und genau das ist der schwierigere Teil zu verändern.

Denn Systeme verschwinden nicht einfach.
Sie hinterlassen Spuren.

Und diese Spuren formen, was als Nächstes kommt – oft leise, oft unbemerkt.

Wenn diese Muster unangetastet bleiben, bleibt auch der Wandel an der Oberfläche.
Und früher oder später kehrt dieselbe Logik zurück.

 

Veröffentlicht auf unframedglobe https://www.unframedglobe.com/p/after-orban-trapped-in-a-political

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