Das Kentern einer Fähre vor Girne in der Türkischen Republik Nordzypern (KKTC) hat sich zu einem der schwersten Schiffsunglücke in der Geschichte des Landes entwickelt. Das Schiff war auf der Strecke von Girne nach Mersin-Taşucu unterwegs. Von den insgesamt 267 Menschen an Bord konnten 249 gefunden werden. Acht Menschen kamen ums Leben, 18 weitere werden noch vermisst.
Im Zusammenhang mit dem Unglück wurden der Kapitän und sieben Besatzungsmitglieder festgenommen. Überlebende Passagiere erheben unterdessen schwere Vorwürfe gegen die Besatzung. Sie soll Warnungen vor den schlechten Wetterbedingungen nicht ernst genommen haben.
Passagierschiff vor Girne gekentert
Die Fähre befand sich am Mittag des 30. August auf der Strecke zwischen Girne und Mersin-Taşucu. Rund vier Seemeilen vor der Küste von Girne kenterte das Schiff und sank.
Nach Angaben der Behörden befanden sich 259 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder an Bord – insgesamt 267 Menschen.
Unmittelbar nach dem Unglück wurde unter der Koordination der KKTC und der Türkei eine groß angelegte Such- und Rettungsaktion eingeleitet. Zunächst wurden Boote der Küstenwache, Hubschrauber, Patrouillenschiffe, Schnellboote, Taucherteams und zivile Rettungskräfte in das Unglücksgebiet entsandt. Im weiteren Verlauf kamen auch Flugzeuge, Drohnen und zusätzliche Einsatzkräfte auf See hinzu.
Acht Tote, 18 Menschen vermisst
Nach Angaben des Präsidenten der KKTC, Tufan Erhürman, und des Ministerpräsidenten Ünal Üstel konnten 249 der 267 Menschen an Bord gefunden werden.
Acht Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben. 18 Personen werden weiterhin vermisst. Die Suche nach ihnen wurde die ganze Nacht über zu Wasser, aus der Luft und unter Wasser fortgesetzt.
Erhürman erklärte, dass auch Einsatzkräfte aus der Türkei aktiv an den Such- und Rettungsarbeiten beteiligt seien. Zudem seien zusätzliche Ausrüstung und Fachpersonal in die Region gebracht worden, die Sucharbeiten in größeren Wassertiefen ermöglichen sollen.
Drei Tage Staatstrauer ausgerufen
Nach dem Unglück beschloss der Ministerrat der KKTC eine dreitägige Staatstrauer für das gesamte Land.
Die Behörden erklärten, der Vorfall werde nicht nur mit Blick auf die Suche nach den Vermissten, sondern auch im Hinblick auf die Ursache des Unglücks umfassend und sorgfältig untersucht.
Kapitän und sieben Besatzungsmitglieder festgenommen
Der Ministerpräsident der KKTC, Ünal Üstel, teilte mit, dass im Rahmen der nach dem Unglück eingeleiteten Ermittlungen der Kapitän des Schiffes sowie sieben weitere Mitarbeiter festgenommen worden seien.
Üstel erklärte:
„Dieser Vorfall wird in jeder Hinsicht untersucht. Selbst die kleinste Nachlässigkeit wird aufgedeckt werden. Unabhängig davon, wer einen Fehler begangen hat oder Verantwortung trägt, wird keine Rücksicht genommen.“
Nach Angaben der Behörden ist es für die Aufklärung des Unglücks von entscheidender Bedeutung, Zugriff auf das Fahrtenschreibersystem des Schiffes zu erhalten. Damit soll insbesondere die Ursache des Untergangs ermittelt werden.
Überlebende erheben Vorwürfe gegen die Besatzung
Die Aussagen von Passagieren, die das Unglück überlebt haben, werfen unterdessen Fragen nach möglichen Versäumnissen der Besatzung auf.
Der Passagier Ümit Saygılı berichtete, die Wetterbedingungen hätten sich während der Fahrt verschlechtert. Die Passagiere hätten die Besatzung mehrfach gewarnt.
„Die Passagiere haben immer wieder gewarnt. Wir sagten: ‚Bei diesem Wetter kann man nicht fahren.‘ Dann begann Wasser einzudringen. Die Mitarbeiter sagten: ‚Es kommt von den Schrauben, es wird nichts passieren, wir sind daran gewöhnt.‘ Später gab es vorne eine Explosion. Sie versuchten umzukehren, aber die Scheiben zerbarsten und das Schiff begann schnell, Wasser aufzunehmen.“
Saygılı erklärte, er habe eine Rettungsweste gefunden und sich durch einen Sprung ins Meer retten können.
Vorwurf: Niemandem wurden Rettungswesten ausgeteilt
Auch der Passagier İbrahim Canbolat berichtete, das Schiff habe über längere Zeit Wasser aufgenommen. Die Besatzung habe jedoch versucht, die Situation als normal darzustellen.
Canbolat schilderte:
„Wir sagten den Mitarbeitern, dass das Schiff Wasser aufnimmt. Sie antworteten: ‚Wir sind daran gewöhnt, das ist normal.‘ Dann platzte seitlich eine Stelle auf. Das Schiff begann sich schnell zur Seite zu neigen. Niemandem wurden Rettungswesten ausgeteilt. Jeder versuchte, sich mit seinen eigenen Mitteln zu retten.“
Canbolat warf der Besatzung zudem vor, dass ein großer Teil der Mitarbeiter nicht in der Lage gewesen sei, angemessen mit den Passagieren zu kommunizieren. Er kündigte an, sich über das Unternehmen beschweren zu wollen.
Ursache des Untergangs weiter unklar
Der Minister für öffentliche Arbeiten und Verkehr der KKTC, Erhan Arıklı, erklärte, das verunglückte Schiff sei etwa zwei Monate vor dem Unglück kontrolliert worden und habe über einen technischen Eignungsbericht verfügt.
Arıklı zufolge begann das Schiff innerhalb sehr kurzer Zeit große Mengen Wasser aufzunehmen. Um die Ursache des Unglücks eindeutig feststellen zu können, müsse die technische Untersuchung abgeschlossen werden.
Auch Präsident Erhürman betonte, dass es vor Abschluss der Ermittlungen nicht richtig sei, über einzelne mögliche Ursachen zu spekulieren. Alle Szenarien würden geprüft, darunter auch mögliche Pflichtverletzungen.
Umfangreiche Such- und Rettungsaktion läuft weiter
Nach dem Unglück setzen die Türkei und die KKTC ihre gemeinsam durchgeführte groß angelegte Such- und Rettungsaktion in der Region fort.
Im Einsatz sind vier Boote der Küstenwache, vier Drohnen, zahlreiche Hubschrauber, Flugzeuge, Schnellboote und Patrouillenschiffe sowie Taucherteams und zivile Rettungsboote.
Die Behörden betonen, dass die Suche ohne Unterbrechung fortgesetzt werde, bis die 18 vermissten Personen gefunden worden seien.
Das Unglück gilt als eines der schwersten Schiffsunglücke in der Geschichte der KKTC. Neben den laufenden Such- und Rettungsarbeiten werden die möglichen Versäumnisse und Verantwortlichkeiten im Zusammenhang mit dem Unglück umfassend untersucht.

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