Ulrich Siegmund: Der Mann hinter dem Lächeln

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Ulrich Siegmund fällt mit seinem freundlichen, volksnahen Auftreten auf. Der AfD-Spitzenkandidat sucht bewusst die Nähe zu den Menschen, macht Selfies, besucht Unternehmen und ist regelmäßig in sozialen Netzwerken präsent. Dort hat er sich eine große Reichweite aufgebaut. Sein Auftreten erinnert eher an einen modernen Social-Media-Politiker als an einen klassischen Rechtspopulisten. Allein auf der Social Media Plattform Instagram folgen ihm 588 Tausend Menschen – seinem Konkurrenten aus der CDU lediglich 11,5 Tausend. Mit Videos versucht er das Wahlprogramm zu erklären oder zeigt Treffen mit seinen Wähler:innen.

Politisch ist Siegmund allerdings deutlich radikaler, als es sein Auftreten zunächst vermuten lässt. Die AfD Sachsen-Anhalt wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.

— „Gesichert rechtsextremistisch“ ist eine Einstufung des Verfassungsschutzes. Sie bedeutet vereinfacht: Es gibt nach Einschätzung der Behörde hinreichend belegte tatsächliche Anhaltspunkte dafür, dass eine Organisation rechtsextremistische Bestrebungen verfolgt – also Bestrebungen, die sich etwa gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. —

Siegmund selbst vertritt unter anderem eine besonders harte Migrationspolitik und fordert weitreichende Veränderungen in Bildung, Medien und Kultur.

Bei der Landtagswahl am 6. September 2026 steht deshalb nicht nur die Frage im Mittelpunkt, wie viele Stimmen die AfD bekommt. Es geht auch darum, ob Siegmund der erste AfD-Politiker werden könnte, der Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes wird.

Kindheit in der Altmark

Geboren wurde Ulrich Siegmund am 25. Oktober 1990 in Havelberg. Aufgewachsen ist er in Tangermünde, einer Kleinstadt an der Elbe.

Seine Familie ist politisch geprägt. Sein Vater Andreas ist Elektroingenieur, sein älterer Bruder Michael arbeitet als Coach und Buchautor. Siegmund selbst ist verheiratet und Vater einer Tochter. Auch kommunalpolitisch ist die Familie aktiv: Siegmund gehört dem Stadtrat von Tangermünde und dem Kreistag des Landkreises Stendal an.

Nach der Schule absolvierte Siegmund eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel. Danach arbeitete er unter anderem im Vertrieb und in einer Berliner Augenklinik. Parallel studierte er Wirtschaftspsychologie und Betriebswirtschaft und schloss das Studium mit einem Bachelor ab.

Sein beruflicher Weg führte anschließend in die Selbstständigkeit. Seit 2014 arbeitet Siegmund als Unternehmer im Marketingbereich. Bekannt wurde dabei unter anderem eine Firma, mit der er Raumdüfte an Geschäftskunden verkaufte. 2026 zog er sich aus dem Unternehmen zurück.

Von der CDU zur AfD

Seine politische Karriere begann nicht bei der AfD. Mit 18 Jahren trat Siegmund 2008 in die CDU ein. Einige Jahre später wandte er sich von der Partei ab. Vor allem die Eurokrise habe seine politische Sicht verändert.

2014 wechselte er zur damals noch jungen AfD. Zu dieser Zeit war die Partei vor allem für ihre Kritik am Euro und ihre wirtschaftsliberalen Positionen bekannt. In den folgenden Jahren entwickelte sich die AfD immer stärker nach rechts – und Siegmund stieg innerhalb der Partei auf.

2016 zog er erstmals in den Landtag von Sachsen-Anhalt ein. Dort entwickelte er sich innerhalb weniger Jahre vom neuen Abgeordneten zu einem der wichtigsten Politiker des Landesverbands. Er wurde stellvertretender Fraktionsvorsitzender und später Fraktionschef. Seit 2022 führt er die AfD-Fraktion im Landtag.

Seine Wahl zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl ist der bisherige Höhepunkt seiner politischen Karriere. Bei der Abstimmung erhielt er mehr als 97 Prozent der Stimmen.

Der Aufstieg des „Ulli“

Siegmunds Erfolg hängt nicht allein mit seinen politischen Positionen zusammen. Eine seiner größten Stärken ist sein persönlicher Auftritt.

Er wirkt kontrolliert, freundlich und nahbar. Er spricht Menschen direkt an, merkt sich Namen und sucht auch abseits der Bühne das Gespräch. Auf Veranstaltungen bleibt er nicht einfach bei seinen Parteifreunden, sondern geht auf Besucher zu. Seine Auftritte werden anschließend für soziale Netzwerke aufbereitet.

Besonders erfolgreich war Siegmund während der Corona-Pandemie. Als gesundheitspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion kritisierte er die staatlichen Maßnahmen und sprach von einer übertriebenen Reaktion auf die Pandemie. Mit entsprechenden Videos erreichte er im Internet ein großes Publikum.

Aus dem Abgeordneten wurde so eine bekannte Figur der AfD. Seine politische Karriere beschleunigte sich: Nach der Landtagswahl 2021 wurde er Fraktionsvorsitzender, anschließend rückte er immer stärker ins Zentrum des Landesverbands.

Der MDR beschreibt ihn als präzisen und professionellen Kommunikator. Auch andere Porträts betonen, dass Siegmund seine Botschaften gezielt formuliert und sie über verschiedene Kanäle immer wieder verbreitet.

Freundliches Auftreten, radikale Politik

Genau darin liegt eine Besonderheit Siegmunds: Zwischen seinem Auftreten und seinen politischen Vorstellungen besteht ein deutlicher Gegensatz.

Wer ihm auf einer Wahlkampfveranstaltung begegnet, sieht zunächst einen freundlich wirkenden Politiker. Seine politischen Forderungen sind dagegen wesentlich härter.

Die AfD will die Migrationspolitik grundlegend verändern. Sie fordert deutlich mehr Abschiebungen und spricht von „Remigration“. Siegmund unterstützt diese Politik und fordert einen erheblichen Ausbau des staatlichen Vorgehens gegen Menschen mit Migrationshintergrund.

Auch in anderen Bereichen plant die Partei einen grundlegenden Kurswechsel. Sie will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk stark verändern, politische Bildungsprojekte zurückdrängen und die Kulturpolitik neu ausrichten. Siegmund unterstützt außerdem Forderungen wie die Abschaffung der allgemeinen Schulpflicht und Veränderungen im Umgang mit Gendern und sexueller Vielfalt an Schulen.

Damit geht es der AfD unter Siegmund nicht lediglich um einzelne politische Maßnahmen. Sie will das politische und gesellschaftliche Leben in Sachsen-Anhalt deutlich verändern.

Verbindungen ins rechtsextreme Milieu

Siegmunds politische Positionen stehen dabei nicht isoliert. Seine Kontakte und Verbindungen zum rechten und rechtsextremen Spektrum sorgen seit Jahren für Kritik.

Besonders bekannt wurde seine Teilnahme an einem Treffen in Potsdam im November 2023. Dort kamen unter anderem AfD-Politiker und Rechtsextremisten zusammen. Der Rechtsextremist Martin Sellner stellte bei dem Treffen seine Vorstellungen von sogenannter „Remigration“ vor.

Siegmund war dabei. Nachdem seine Teilnahme öffentlich geworden war, verlor er seinen Vorsitz in einem Landtagsausschuss.Er selbst spielte die Bedeutung des Treffens später herunter.

Nach Recherchen von CORRECTIV arbeiten mehrere ehemalige Mitglieder der verbotenen rechtsextremen Organisation „Heimattreue Deutsche Jugend“ heute für die AfD-Fraktion und den Landesverband Sachsen-Anhalt. Einer von ihnen, Patrick Harr, soll dabei besonderen Einfluss auf Siegmunds politischen Kurs haben.

Die „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ) war eine neonazistische Jugendorganisation, die Kinder und Jugendliche ideologisch im Sinne rechtsextremer und nationalsozialistischer Vorstellungen beeinflussen wollte. Sie wurde 2009 verboten. —

Das ist für die Einordnung des Kandidaten entscheidend: Siegmund präsentiert sich zwar als moderner und freundlicher Politiker, bewegt sich politisch aber in einem Umfeld, das deutlich weiter rechts steht als die klassischen Parteien des deutschen Parteiensystems.

Sein Ziel: die Staatskanzlei

Siegmund tritt bei dieser Wahl mit einem klaren Machtanspruch an. Die AfD liegt in den aktuellen Umfragen deutlich vor der CDU. Siegmund selbst nennt als Ziel „45 Prozent plus X“. Eine Zusammenarbeit mit anderen Parteien strebt er dabei nicht an. Er möchte seine Partei möglichst stark machen und Sachsen-Anhalt ohne Koalitionspartner regieren.

Sollte ihm das gelingen, wäre es ein Einschnitt in der deutschen Politikgeschichte. Die AfD hat bislang auf Landes- und Bundesebene noch keine Regierung geführt. Siegmund könnte der erste Politiker der Partei werden, der als Ministerpräsident ein Bundesland regiert.

Für die AfD wäre Sachsen-Anhalt damit mehr als ein Wahlerfolg. Die Partei könnte beweisen, dass sie nicht nur als Protestpartei erfolgreich ist, sondern tatsächlich politische Macht übernehmen kann.

 

Quellen: AFP, Spiegel, Correctiv, mdr

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