Sachsen-Anhalt könnte zum politischen Testfall für ganz Deutschland werden. Der Erfolg der AfD lässt sich dabei weder allein mit Migration noch mit wirtschaftlichem Frust erklären. Er zeigt, was geschieht, wenn Misstrauen, Identitätskonflikte, digitale Öffentlichkeit und das Gefühl politischer Ohnmacht zu einer dauerhaften politischen Zugehörigkeit verschmelzen.
Yasemin Aydın
42 Prozent.
So hoch liegt die AfD in der letzten ARD-Vorwahlumfrage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September. Die CDU kommt nur noch auf 22 Prozent. Die Linke liegt bei elf, die SPD bei acht, die Grünen bei sechs Prozent. BSW und FDP würden derzeit den Einzug in den Landtag verpassen. Eine absolute Mehrheit hätte die AfD nach der aktuellen Modellrechnung zwar nicht. Trotzdem wäre ein solches Ergebnis eine historische Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse.
Doch vielleicht ist 42 gar nicht die Zahl, über die wir am meisten sprechen sollten.
Bei einer Erhebung im Mai gaben 82 Prozent der Befragten in Sachsen-Anhalt an, nur wenig oder gar kein Vertrauen darin zu haben, dass der Staat seine Aufgaben erfüllt. Gleichzeitig hat sich das Kompetenzurteil dramatisch verschoben: Vor der Landtagswahl 2021 trauten noch 40 Prozent der CDU am ehesten zu, die wichtigsten Probleme des Landes zu lösen. Im Juli 2026 waren es nur noch 16 Prozent. Der AfD trauten dies dagegen 36 Prozent zu – gegenüber neun Prozent fünf Jahre zuvor.
Das ist mehr als ein Rechtsruck. Es ist eine Vertrauensverschiebung.
Der bequeme Mythos vom Protestwähler
Wir sprechen seit Jahren von „Protestwählern“, wenn wir über die AfD sprechen. Der Begriff ist beruhigend. Denn Protest klingt vorübergehend. Wer protestiert, möchte eigentlich etwas anderes. Er sendet ein Signal, und wenn Politik dieses Signal verstanden hat, kommt er vielleicht zurück.
Genau diese Hoffnung könnte inzwischen Teil des Problems sein.
Der Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky weist darauf hin, dass einfache Erklärungen für den AfD-Erfolg zu kurz greifen. Hinter ihm stehen tiefes Misstrauen gegenüber Politik und Medien, das Gefühl, nicht gehört zu werden, und bei vielen die Überzeugung, dass demokratische Institutionen nicht mehr funktionieren. Gleichzeitig ist aus einem Teil der einst volatileren Wählerschaft eine bemerkenswert stabile politische Bindung geworden.
Auch andere Analysen kommen zu einem ähnlichen Befund: Die AfD lässt sich längst nicht mehr überzeugend als klassische Protestpartei beschreiben. Für viele ist ihre Wahl inzwischen eine bewusste Entscheidung entweder aus Zustimmung zu ihren Positionen oder zumindest in Kenntnis und Inkaufnahme dieser Positionen.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass 42 Prozent der Wahlberechtigten ein geschlossen rechtsextremes Weltbild besitzen. Aber ebenso falsch wäre inzwischen die gegenteilige Annahme: dass ein großer Teil dieser Menschen gar nicht wisse, wen er wählt.
Der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt wird seit 2023 vom Landesverfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft. Diese Einstufung ist öffentlich, ebenso die radikalen Positionen zahlreicher Funktionäre.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur: Warum wählen Menschen trotz dieser Radikalität die AfD? Wir müssen auch fragen: Welche Bedürfnisse erfüllt diese politische Identität für sie?
Migration ist Thema, aber auch Symbol
Migration spielt dabei zweifellos eine zentrale Rolle. Es wäre falsch, sie lediglich als Vorwand abzutun. Für viele AfD-Wähler stehen Migration, innere Sicherheit, kulturelle Veränderungen und die Frage, wer über gesellschaftliche Normen bestimmt, weit oben auf der politischen Agenda.
Aber Migration funktioniert in populistischer Kommunikation häufig zugleich als etwas Größeres: als Symbol für Kontrollverlust.
Wer das Gefühl hat, dass sich die eigene Umgebung verändert, politische Entscheidungen anderswo getroffen werden und die eigenen kulturellen Vorstellungen gesellschaftlich an Einfluss verlieren, erlebt eine Debatte über Migration nicht nur als Sachfrage. Sie kann zu einer Frage der eigenen Identität werden.
Hier liegt ein wesentlicher Unterschied.
Menschen reagieren psychologisch stärker auf einen wahrgenommenen Verlust als auf einen möglichen Gewinn. Wer glaubt, Status, kulturelle Selbstverständlichkeit oder gesellschaftliche Anerkennung zu verlieren, wird deshalb nicht allein durch bessere Statistiken überzeugt.
Man kann eine Zahl über Migration korrigieren und trotzdem das zugrunde liegende Gefühl nicht erreichen.
Populismus ist gerade deshalb erfolgreich, weil er komplizierte gesellschaftliche Veränderungen in eine emotional verständliche Geschichte übersetzt: Wir verlieren etwas. Die anderen haben es verursacht. Und wir holen es euch zurück.
Das ist politisch enorm wirksam.
Sachsen-Anhalt ist nicht einfach „der Osten“
Ebenso bequem wäre allerdings eine zweite Erklärung: Das sei eben Ostdeutschland.
Auch sie greift zu kurz. Die Entwicklung in Sachsen-Anhalt lässt sich zugleich nicht als isoliertes ostdeutsches Phänomen verstehen. Rechtspopulistische Parteien wachsen in zahlreichen westlichen Demokratien. Ostdeutschland könnte Entwicklungen lediglich früher und stärker sichtbar machen, die anderswo durch stabilere Parteibindungen und widerstandsfähigere zivilgesellschaftliche Strukturen länger abgefedert werden.
Vielleicht sollte man Sachsen-Anhalt deshalb weniger als deutsche Ausnahme betrachten und mehr als politischen Seismografen.
Die Erfahrungen der Wiedervereinigung, soziale und biografische Brüche, Abwanderung, schwächere institutionelle Bindungen und das Gefühl, dass zentrale Entscheidungen „oben“ oder „im Westen“ getroffen werden, haben Spuren hinterlassen. Das erklärt nicht jede AfD-Stimme. Und es entschuldigt keine extremistischen Positionen.
Aber Demokratie funktioniert nicht allein über Verfassungen und Wahlen.
Sie braucht das Gefühl politischer Wirksamkeit: Meine Stimme zählt. Menschen wie ich werden wahrgenommen. Ich habe Einfluss auf das, was mit meinem Leben geschieht.
Wo dieses Gefühl langfristig verloren geht, entsteht ein Raum, den Populisten besonders gut besetzen können.
Und dann kommt der Algorithmus
Bei jungen Wählern kommt noch eine zweite Öffentlichkeit hinzu. Lewandowsky weist darauf hin, dass soziale Medien für viele junge Menschen längst die Funktion klassischer Nachrichtenmedien übernommen haben. Gleichzeitig belohnen Empfehlungsalgorithmen Inhalte, die Aufmerksamkeit erzeugen und Aufmerksamkeit entsteht besonders zuverlässig durch Emotionalität, Konflikt, Zuspitzung und Grenzüberschreitung.
Eine aktuelle Studie zur Bundestagswahl 2025 zeigt, wie gut insbesondere die AfD gelernt hat, die technischen Logiken von TikTok für Reichweite zu nutzen. Sie optimiert ihre Kommunikation nicht einfach für politische Argumentation, sondern für Sichtbarkeit im Feed.
Das bedeutet nicht: TikTok macht Jugendliche zu Rechtsextremen. Eine solche Erklärung wäre genauso zu einfach wie der Begriff „Protestwähler“.
Algorithmen erzeugen gesellschaftliche Konflikte nicht aus dem Nichts. Aber sie können vorhandene Gefühle verstärken, bestimmte Interpretationen immer wieder bestätigen und den Eindruck vermitteln, eine Position sei gesellschaftlich wesentlich dominanter und selbstverständlicher, als sie außerhalb des eigenen Feeds erscheint. Ulrich Siegmund versteht diese Logik ausgesprochen gut.
Seine Kommunikation besteht eben nicht permanent aus aggressiven politischen Reden. Sie zeigt einen lächelnden, nahbaren Politiker, auf dem Moped, beim Volksfest, im Gespräch mit Bürgern. Politische Radikalität wird mit Alltag, Nostalgie und Normalität verbunden. Gerade die gezielte Verbindung von ostdeutscher Identität, Erinnerungsobjekten wie dem Simson-Moped und politischer Botschaft macht diese Kommunikation so wirksam.
Das ist kommunikativ entscheidend. Normalisierung entsteht nicht erst dann, wenn radikale Forderungen gemäßigt werden. Sie kann auch dadurch entstehen, dass radikale Forderungen von einem sympathischen, vertrauten und scheinbar unideologischen Absender präsentiert werden.
Die Brandmauer löst das kulturelle Problem nicht
Damit gerät die deutsche Politik in ein Dilemma.
Eine demokratische Abgrenzung von einer Partei, deren Landesverband als gesichert rechtsextremistisch gilt, ist institutionell nachvollziehbar. Die sogenannte Brandmauer beantwortet jedoch zunächst nur die Frage, mit wem demokratische Parteien nicht koalieren wollen.
Sie beantwortet nicht die viel schwierigere Frage: Warum fühlen sich immer mehr Menschen politisch stärker von der AfD repräsentiert als von allen anderen Parteien?
Genau hier reicht moralische Empörung nicht aus. Aber auch die gegenteilige Strategie funktioniert nur begrenzt: einfach die Themen, Sprache oder Forderungen der AfD zu übernehmen. Lewandowsky weist darauf hin, dass eine solche Strategie häufig gerade nicht zur Schwächung populistischer Parteien führt. Wer ständig über das Thema spricht, mit dem die AfD ihre politische Identität aufgebaut hat, bestätigt zunächst dessen Bedeutung.
Die politische Mitte befindet sich deshalb in einer schwierigen Lage: Sie darf reale Probleme nicht tabuisieren. Aber sie darf zugleich nicht das Weltbild ihrer Konkurrenten übernehmen, nur um deren Wähler zurückzugewinnen. Demokratie braucht eine eigene Sprache.
Das eigentliche Defizit ist ein narratives
Vielleicht liegt genau hier das größte Problem.Populisten erzählen sehr gute Geschichten. Nicht unbedingt wahre Geschichten. Aber emotional verständliche. Es gibt ein „Wir“. Dieses Wir wurde verletzt. Es gibt Verantwortliche. Und es gibt eine Zukunft, in der die verlorene Ordnung wiederhergestellt werden kann.
Dem gegenüber steht häufig die Sprache demokratischer Politik: kompliziert, administrativ, defensiv. Haushaltszwänge. Europäische Zuständigkeiten. Koalitionskompromisse. Verfassungsrechtliche Grenzen.
All das gehört zur Realität demokratischen Regierens. Aber Menschen leben nicht allein von Verwaltungsrealität. Sie brauchen auch Vorstellungen davon, zu welcher Gesellschaft sie gehören und wohin diese Gesellschaft gehen soll.
Wenn demokratische Parteien nur erklären, warum die populistische Geschichte falsch ist, überlassen sie ihren Gegnern weiterhin das Wichtigste: die Geschichte selbst.
Die Antwort auf Populismus kann deshalb nicht nur Fact-Checking sein. Sie muss demokratische Zugehörigkeit herstellen.
Eine Gesellschaft muss Menschen vermitteln können: Veränderungen sind real, aber sie bedeuten nicht, dass du verschwindest. Migration verändert unser Land, aber Zugehörigkeit ist kein Nullsummenspiel. Demokratie ist langsam und manchmal frustrierend, aber du bist nicht bedeutungslos in ihr. Zukunft bedeutet nicht zwangsläufig Verlust.
Das klingt abstrakt. Politisch ist es sehr konkret. Es bedeutet sichtbare staatliche Handlungsfähigkeit. Schulen, die funktionieren. Verwaltungen, die erreichbar sind. Infrastruktur außerhalb der Großstädte. Wirtschaftliche Perspektiven. Politische Repräsentation. Und vor allem eine Öffentlichkeit, in der Menschen nicht erst radikal werden müssen, damit ihnen jemand zuhört.
Sachsen-Anhalt ist ein Testfall
Sollte die AfD tatsächlich stärkste Kraft werden, wären die Folgen nicht nur symbolischer Natur. Auf Landesebene liegen wichtige Kompetenzen bei Bildung, Polizei, Verwaltung und Kultur. Eine Regierungsbeteiligung könnte deshalb unmittelbar institutionelle Auswirkungen haben und zugleich die bundespolitische Normalisierung der Partei beschleunigen.
Aber vielleicht liegt der tiefere Test für Deutschland noch vor der Regierungsbildung.
Sachsen-Anhalt stellt die Frage, ob eine liberale Demokratie Menschen zurückgewinnen kann, deren Entfremdung längst Teil ihrer politischen Identität geworden ist. Die schwierigste Antwort wäre zugleich die notwendigste: Diese Menschen ernst zu nehmen, ohne jedes ihrer politischen Urteile zu bestätigen. Ihre Ängste zu verstehen, ohne daraus Feindbilder zu machen. Migration, Sicherheit oder wirtschaftlichen Abstieg offen zu diskutieren, ohne die Sprache des ethnischen Ausschlusses zu übernehmen. Und demokratische Grenzen zu verteidigen, ohne Demokratie auf die Verteidigung von Grenzen zu reduzieren.
Deshalb ist der Begriff „Protestwähler“ problematisch. Er macht aus einer strukturellen Entwicklung eine vorübergehende Stimmung. 42 Prozent sind keine Laune. Sie sind das Ergebnis eines längeren politischen, sozialen und kommunikativen Prozesses.
Und genau deshalb wird Sachsen-Anhalt am 6. September nicht nur darüber abstimmen, wer das Bundesland regiert. Die Wahl wird zeigen, wie weit sich eine politische Gegenidentität bereits normalisiert hat und ob die demokratische Mitte noch etwas anzubieten hat, das stärker ist als die Angst vor ihrem Gegner.

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