Erdoğans „Wahltochter“ war rechtzeitig raus. Was wird aus dem Geld der anderen?

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Fatma Betül Sayan Kaya soll ihre Aktien kurz vor dem Börseneinbruch verkauft haben. Sie bestreitet bislang nicht öffentlich die von der Opposition genannten Geschäfte; ob Insiderwissen im Spiel war, ist ungeklärt. Fast 456.000 Anleger warten auf die Abwicklung ihrer Fonds.

Yasemin Aydın | Deutsche Bold 

Erdoğan soll Fatma Betül Sayan Kaya einmal als „wie meine Tochter“ bezeichnet haben. Nun ist die frühere Familienministerin und stellvertretende Vorsitzende seiner AKP von ihren Parteiämtern zurückgetreten. Ihre politische Nähe zu Erdoğan steht dagegen außer Frage.

Der Rücktritt folgte auf Vorwürfe der Opposition zu Kayas Aktiengeschäften. Sie soll Anteile am Schiffbauunternehmen Özata Denizcilik für rund 63,4 Millionen Lira gekauft und wenige Monate später für etwa 1,34 Milliarden Liraverkauft haben. Auch zu Geschäften ihres Ehemanns İlyas Kaya gibt es Anschuldigungen. Besonders brisant ist der behauptete Verkaufszeitpunkt: kurz bevor die Fondskrise den türkischen Aktienmarkt erschütterte. Genau rechtzeitig.

Das sind bislang Vorwürfe, keine Feststellungen über Insiderhandel. Weder Kaya noch ihr Mann standen auf der veröffentlichten Liste von elf Personen, gegen die die Kapitalmarktaufsicht im Zusammenhang mit Geschäften in Özata-Aktien Strafanzeige erstattete. Kaya begründete ihren Rückzug damit, dass die Untersuchung unabhängig und ohne Zweifel an einer Einflussnahme geführt werden könne. Die AKP erklärte, Erdoğan habe ihren Rücktritt angenommen.

Doch wer nur auf den Rücktritt schaut, verpasst das Ausmaß der Krise.

Die türkische Kapitalmarktaufsicht hat die Abwicklung von 131 Investmentfonds angeordnet. Nach ihrer Zählung sind 455.758 einzelne Anleger betroffen. Finanzminister Mehmet Şimşek bezifferte das gemeldete Fondsvermögen auf rund 18,3 Milliarden US-Dollar. Das ist der Wert der betroffenen Anlagen, nicht der bereits festgestellte Verlust. Wie viel die Anleger aus dem Verkauf der Fondsvermögen zurückerhalten und wann das Geld ausgezahlt wird, ist offen.

Reuters bezifferte die betroffenen Anlagen zu Beginn der staatlichen Intervention auf rund 891 Milliarden Lira, damals etwa 21,4 Milliarden Dollar, und berichtete von zunächst rund 353.000 Anlegern. Die später von der Aufsicht veröffentlichte Zahl von 455.758 bezieht sich ausdrücklich auf einzelne Personen. Die unterschiedlichen Dollarbeträge und Anlegerzahlen stammen damit aus verschiedenen Zeitpunkten und Erhebungen; sie sollten nicht zu einem einzigen Schadensbetrag vermischt werden.

Was geschah? Einige Fonds hatten große Positionen in Aktien aufgebaut, die sich nur schwer verkaufen ließen, ohne deren Kurs zu drücken. Als Regeln für solche Konzentrationen verschärft wurden und Anleger Geld zurückforderten, gerieten Fondsmanager unter Druck. Pusula und Tera erklärten, bestimmte Auszahlungswünsche nicht erfüllen zu können. Verkäufe anderer, leichter handelbarer Aktien verstärkten den Kursrutsch. Der wichtigste Istanbuler Aktienindex verlor in der betreffenden Woche mehr als acht Prozent.

Die Behörden griffen mit Liquiditätsmaßnahmen und der Abwicklung der Fonds ein. Gleichzeitig laufen strafrechtliche Ermittlungen wegen mutmaßlicher Marktmanipulation. Am Montag wurden acht weitere Personen festgenommen. Dass Vermögensbeschränkungen für 45 Unternehmen und 19 Fonds wieder aufgehoben wurden, ändert nichts an der angeordneten Abwicklung der 131 betroffenen Fonds.

Damit rückt die Frage nach dem Zeitvorsprung ins Zentrum: Wer wusste vor dem Handelsstopp von den Schwierigkeiten? Wer verkaufte Aktien oder zog Geld aus Fonds ab, während andere Anleger noch investiert blieben?

Die Staatsanwaltschaft hat detaillierte Kauf-, Verkaufs- und Auszahlungsdaten angefordert, auch für die Monate vor der Intervention. Diese Unterlagen können Handelszeitpunkte sichtbar machen. Ob einzelne Geschäfte auf vertraulichem Wissen beruhten, muss erst untersucht werden. Ein auffälliger Verkauf kurz vor einem Kurseinbruch ist ein Grund für Fragen, aber für sich allein kein Beweis für eine Straftat. (turkishminute.com)

Özgür Özel, Vorsitzender der Opposition, wirft Erdoğan vor, Vorgänge in seinem Umfeld entweder gekannt oder nicht unter Kontrolle gehabt zu haben. Erdoğan weist eine Gefahr für das gesamte Finanzsystem zurück und verspricht, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen. Reuters zitierte Analysten, die die Fondskrise ebenfalls nicht als Bedrohung des gesamten Systems einstufen. Für Anleger, deren Ersparnisse derzeit feststecken, beantwortet das die Frage nach ihrem Geld noch nicht.

Auch der Investigativ-Journalist Cevheri Güven hat die politischen Verbindungen rund um die Fondskrise öffentlich thematisiert. Seine Hinweise unterstreichen, welche Beziehungen und Entscheidungen geprüft werden müssen. Ob daraus strafrechtliche Verantwortung folgt, lässt sich nur mit belastbaren Handelsdaten und einer nachvollziehbaren Untersuchung klären.

Der Rücktritt einer Frau, die Erdoğan persönlich sehr nahesteht, macht die Affäre zur politischen Bewährungsprobe. Doch die Öffentlichkeit braucht mehr als einen Rücktritt und mehr als die Versicherung, alles werde untersucht. Sie braucht Antworten darauf, wer vor dem Einbruch aussteigen konnte, wann die Aufsicht Warnsignale erkannte und was von den Anlagen der 455.758 Betroffenen übrig bleibt.

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