BKA-Bericht: Organisierte Kriminalität setzt zunehmend auf junge Täter

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In Köln und Umgebung häufen sich seit Ende Mai Schussabgaben auf Geschäfte und Lokale. Betroffen waren unter anderem ein Uhrengeschäft, ein Café, ein Juwelier auf der Keupstraße und zuletzt eine türkische Bar in Ostheim. Entlang der Keuptstraße befinden sich zahlreiche türkisch geprägte Geschäfte und Gastronomiebetriebe. Bei einer Schießerei in Mülheim wurden zudem vier Menschen verletzt. Die Kriminalpolizei prüft mögliche Zusammenhänge, Täter und Motiv sind bislang ungeklärt.

Nach einem Bericht des Kölner Stadt-Anzeigers haben die Behörden einen möglichen Ermittlungsansatz bei der sogenannten „Gen-Z-Mafia“ ausgemacht. Laut Landeskriminalamt handelt es sich dabei nicht um eine einzelne Organisation, sondern um mehrere lose, teils konkurrierende Gruppierungen. Genannt werden unter anderem die Namen „Daltons“, „Caspers“ oder „Schlümpfe“. Junge, teilweise minderjährige Täter sollen über soziale Medien gegen Bezahlung für Straftaten angeworben werden. Ob die Angriffe auf der Keupstraße tatsächlich diesem Muster zuzuordnen sind, ist jedoch offen. Die Kölner Staatsanwaltschaft prüft mögliche Zusammenhänge mit Erpressungsversuchen weiterhin.

Am Dienstag stellten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, BKA-Präsident Holger Münch und der Drogen- und Suchtbeauftragte Prof. Dr. Hendrik Streeck den BKA-Bericht zur Organisierten Kriminalität und zur Rauschgiftkriminalität für das Jahr 2025 vor.

Höchststand bei den Tatverdächtigen seit 2021

Nach Angaben des BKA wurden im vergangenen Jahr insgesamt 7.988 Tatverdächtige im Zusammenhang mit Organisierter Kriminalität (OK) ermittelt. Darunter waren 2.722 deutsche Staatsangehörige, 664 türkische, 402 syrische, 281 albanische und 258 polnische Staatsangehörige. Die Gesamtzahl erreichte damit den höchsten Wert seit 2021.

Im Bericht wird unter anderem die türkeistämmige Organisierte Kriminalität (TOK) aufgeführt. Darunter versteht das BKA oftmals deliktsübergreifend tätige, international vernetzte und finanziell starke Gruppierungen, deren Anführer oder hochrangige Mitglieder unter anderem die türkische Staatsangehörigkeit besitzen oder ursprünglich aus der Türkei stammen beziehungsweise dort vernetzt sind.

Im Jahr 2025 wurden 139 Tatverdächtige in 18 OK-Gruppierungen ermittelt, die dem Phänomen der türkeistämmigen OK zugerechnet werden. Diese Gruppierungen waren insbesondere in den Bereichen Geldwäsche und Gewaltkriminalität aktiv. In beiden Bereichen wurden jeweils fünf Verfahren registriert.

In der Gesamtheit aller OK-Verfahren wurden 664 Tatverdächtige mit türkischer Staatsangehörigkeit erfasst. 2024 waren es 611.

„Einer plant, einer bezahlt, einer schlägt zu“

Bundesinnenminister Dobrindt beschrieb das Prinzip der Organisierten Kriminalität mit den Worten: „Einer plant, einer bezahlt, einer schlägt zu.“ Besonders aufmerksam macht er dabei auf die Rekrutierung von Minderjährigen. Sie würden von kriminellen Netzwerken als sogenannte „Wegwerftäter“ eingesetzt.

Der BKA-Bericht beschreibt eine Entwicklung, wonach Kinder und Jugendliche in Deutschland teilweise bereits ab einem Alter von 13 Jahren rekrutiert werden. Laut Europol sind 13- bis 17-Jährige in mehr als 70 Prozent der kriminellen Märkte als Mittäter involviert. Genannt werden unter anderem Cyberkriminalität, Onlinebetrug, Rauschgiftkriminalität, Gewalt- und Vermögensdelikte sowie Schleusungskriminalität.

Für das BKA ist diese Entwicklung besorgniserregend: Organisierte Kriminalität greife zunehmend auf Kinder und Jugendliche zurück, um Straftaten ausführen zu lassen.

Münch spricht von neuer „Gen-Z-Mafia“

BKA-Präsident Holger Münch sprach bei der Vorstellung des Berichts von einer neuen Tätergeneration, die er als „türkisch-stämmige Gen Z Mafia“ bezeichnete. Diese Gruppierungen würden ihre Taten teilweise in sozialen Medien teilen und sich dort öffentlich darstellen.

Nach Einschätzung des BKA geht es dabei nicht nur um einzelne Täter. Hinter den ausführenden Personen können weitere Akteure stehen, die Taten vermitteln, organisieren oder finanzieren. Münch verwies in diesem Zusammenhang auf sogenannte „Crime-as-a-Service“-Strukturen. Kriminelle Dienstleistungen würden gegen Bezahlung angeboten.

„Deshalb muss man untersuchen: Wer steckt hinter der Tat, wer vermittelt und wer finanziert?“, sagte Münch.

Als Beispiele nannte er Geldwäsche, Waffenhandel und Rauschgiftkriminalität. Die Grenzen zwischen einzelnen kriminellen Geschäftsfeldern könnten dabei fließend sein.

Illegale Waffen aus der Türkei im Fokus

Besonders beschäftigt die Sicherheitsbehörden nach Angaben Münchs die zunehmende Verfügbarkeit illegaler Schusswaffen. Dabei gehe es auch um Waffen, die keine Originalwaffen seien, sondern täuschend echte Nachbauten und Fälschungen.

„Die Verfügbarkeit ist größer durch diese Nachbauten, die auf den Markt kommen“, sagte Münch. Gerade weil nicht ausschließlich Originalwaffen auf dem Schwarzmarkt gehandelt würden, erhöhe sich die Zahl der verfügbaren Waffen.

Auf die Frage, wie Waffen aus der Türkei nach Deutschland gelangen, verwies Münch auf die Erkenntnisse aus Sicherstellungen. Die Ermittler würden beobachten, in welchen Regionen Waffen in größerem Umfang sichergestellt werden. Daraus ergebe sich nach seinen Worten eine „dringende Verdachtslage“, dass ein Teil der Waffen aus der Türkei stamme beziehungsweise über die türkische Grenze nach Europa und damit auch nach Deutschland gelange.

Münch sagte, die Waffen würden mutmaßlich in der Türkei hergestellt. Die deutschen Strafverfolgungsbehörden stünden deshalb nicht nur mit europäischen Partnern, sondern auch mit der Türkei in engem Kontakt. Ziel sei es, den Druck auf die Hersteller zu erhöhen und die Produktion solcher Waffen einzudämmen.

Zugleich betonte der BKA-Präsident, dass die Türkei nicht die einzige Quelle illegaler Waffen sei. Weiterhin seien Waffen aus ehemaligen Kriegs- und Krisengebieten im Umlauf. Dabei verwies er insbesondere auf Waffen aus den Balkankriegen.

Auch mit Blick auf den Ukraine-Krieg warnte Münch vor möglichen Folgen für die Verfügbarkeit von Schusswaffen. Sollte der Krieg enden, könne sich nach seiner Einschätzung ein neues Problem ergeben, wenn Waffen aus dem Konfliktgebiet auf den Schwarzmarkt gelangen.

„Verfügbarkeit von Waffen bleibt ein großes Thema“, sagte Münch. Aktuell beschäftigten die Ermittler insbesondere die Fälschungen und Nachbauten.

Digital vernetzt und international

Die von Münch beschriebenen Entwicklungen zeigen nach Einschätzung des BKA, wie sich die Strukturen der Organisierten Kriminalität verändern. Gruppierungen agieren zunehmend digital vernetzt und über Ländergrenzen hinweg. Soziale Medien können dabei sowohl zur Kommunikation als auch zur Anwerbung und Darstellung von Straftaten genutzt werden.

Organisierte Kriminalität bedeutet nach der Definition des BKA, dass mehr als zwei Personen über einen längeren oder unbestimmten Zeitraum planmäßig und arbeitsteilig Straftaten begehen. Dabei stehen insbesondere finanzielle Interessen oder das Streben nach Macht im Mittelpunkt. Zur Durchsetzung ihrer Ziele können die Gruppierungen Gewalt oder Drohungen einsetzen.

Zudem können sie versuchen, Einfluss auf Politik, Medien, Behörden, Gerichte oder die Wirtschaft zu nehmen und gewerbliche oder geschäftsähnliche Strukturen für ihre kriminellen Aktivitäten nutzen.

Münch fasste die Entwicklung bei der Vorstellung des Lagebilds zusammen: „Sie sehen, die organisierte Kriminalität agiert in ihren Geschäftsfeldern digital vernetzt, transnational und skrupellos. Ziele sind Geld, Macht und Einfluss.“

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