Zwischen Fakten, Algorithmen und Vertrauen: Wie Journalismus Orientierung schaffen kann

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Beim Interkulturellen Mediendialog im Dialogzelt vor der Frankfurter Paulskirche diskutierten Medienschaffende über journalistische Auswahlprozesse, fehlende Perspektiven, künstliche Intelligenz und den wachsenden Einfluss sozialer Netzwerke. Dabei wurde deutlich: Die Frage, woher Menschen ihre Informationen beziehen, ist längst auch eine Frage nach der Zukunft der Demokratie.

Deutsche Bold

Wer entscheidet, welche Ereignisse zu Nachrichten werden? Welche Quellen gelten als glaubwürdig? Wie verändert sich die Berichterstattung, wenn Journalistinnen und Journalisten keinen freien Zugang zu Behörden, politischen Akteuren oder Menschen vor Ort haben? Und wie lässt sich Vertrauen bewahren, wenn künstlich erzeugte Bilder, Stimmen und Videos kaum noch von authentischen Inhalten zu unterscheiden sind?

Um diese Fragen ging es beim Interkulturellen Mediendialog am 1. September im Dialogzelt vor der Paulskirche in Frankfurt am Main, einem zentralen Erinnerungsort der deutschen Demokratiegeschichte. Auf dem Podium diskutierten Cai Tore Philippsen, verantwortlicher Redakteur bei FAZ.NET, der langjährige FAZ-Auslandskorrespondent Rainer Hermann, Carmen Colinas von den Neuen deutschen Medienmacher:innen sowie Ebru Kaymak, verantwortliche Redakteurin der gemeinnützigen Nachrichtenplattform Deutsche Bold. Moderiert wurde die Veranstaltung von Yasemin Aydın von der International Journalists Association.

In ihrer Einführung machte Aydın deutlich, warum die scheinbar einfache Frage nach der Herkunft unserer Informationen heute so komplex geworden ist. Zwischen einem Ereignis und dem, was schließlich auf einem Bildschirm erscheint, liege ein journalistischer Auswahl- und Prüfungsprozess. Jemand müsse entscheiden, was relevant sei, welchen Quellen vertraut werden könne, was überprüft werden müsse und wann eine Information belastbar genug für eine Veröffentlichung sei.

Hinzu komme, dass Journalistinnen und Journalisten unter sehr unterschiedlichen Bedingungen arbeiteten. Manche könnten mit Ministerien, Behörden und politischen Entscheidungsträgern sprechen. Andere berichteten aus Ländern, in denen ihnen dieser Zugang bewusst verweigert werde. Wieder andere müssten aus dem Exil über ein Land recherchieren, das sie nicht mehr frei bereisen könnten. Gleichzeitig konkurriere professioneller Journalismus mit einer kaum überschaubaren Menge an Inhalten in sozialen Netzwerken.

„Dateninformiert, aber nicht datengetrieben“

Zum Auftakt ging es um die Frage, wie stark Daten über das Verhalten der Leserinnen und Leser redaktionelle Entscheidungen beeinflussen. Digitale Redaktionen können heute unmittelbar erkennen, welche Artikel häufig aufgerufen werden, wie lange Menschen bei einem Beitrag bleiben und über welchen Weg sie auf eine Nachrichtenseite gelangen.

Für Cai Tore Philippsen bleiben dennoch die klassischen journalistischen Kriterien entscheidend: Aktualität, Relevanz und Bedeutung. Daten seien ein zusätzliches Instrument, dürften aber nicht zum alleinigen Maßstab für die Themenauswahl werden.

„Wir sind informiert. Wir wissen, was wir tun. Aber wir lassen uns nicht davon treiben“, sagte Philippsen. Auch ein Thema wie der Länderfinanzausgleich müsse prominent behandelt werden können, selbst wenn die Nutzungsdaten zeigten, dass sich dafür weniger Menschen interessierten als für andere Inhalte.

Die redaktionelle Arbeit bewege sich zwischen mehreren Anforderungen. Die Inhalte müssten zur Marke FAZ passen, gesellschaftlich relevant sein, eine ausreichende Reichweite erzielen und zugleich wirtschaftlich tragfähig bleiben. Eine überregionale Zeitung müsse weiterhin die Bühne bieten können, auf der eine Ministerin ihr erstes großes Interview gebe oder ein Bundeskanzler das Gespräch suche. Dafür brauche sie publizistische Relevanz – und zugleich genügend Reichweite.

„Datengetrieben wären wir, wenn wir nur noch über Klatsch und Tratsch berichten würden“, erklärte Philippsen. Die Zahlen könnten zeigen, welche Themen gut funktionierten. Die journalistische Entscheidung darüber, was wichtig sei, könnten sie jedoch nicht ersetzen.

Diese Abwägung betreffe auch die regionale Berichterstattung. Eine Geschichte aus einer kleineren hessischen Stadt könne naturgemäß nicht dieselbe Reichweite erzielen wie eine bundespolitische Entwicklung in Berlin. Trotzdem müsse sie ihren Platz im Angebot finden. Das Gesamtbild der FAZ mit seinen unterschiedlichen Ressorts und regionalen Schwerpunkten solle sich auch digital widerspiegeln.

Google als „Freund und Feind“

Zugleich sind digitale Nachrichtenangebote auf Suchmaschinen und Plattformen angewiesen. Philippsen erklärte, rund 40 Prozent der Leserinnen und Leser kämen von außen auf FAZ.NET, beispielsweise über Google. Viele dieser Menschen besuchten die Seite nicht aus einer festen Bindung an die Marke, sondern weil sie nach einem bestimmten Ereignis oder Thema suchten.

Der Google-Algorithmus sei deshalb „Freund und Feind gleichzeitig“. Er helfe Medien, neue Leserinnen und Leser zu erreichen. Gleichzeitig entstehe ein Wettbewerb um gute Platzierungen, der Redaktionen dazu verleiten könne, Texte zunehmend nach den Kriterien der Suchmaschinen zu produzieren.

Diesen Zusammenhang vollständig zu ignorieren, wäre für Philippsen unrealistisch. Er verglich die Bedeutung von Google für digitale Medien mit der Bedeutung eines Bahnhofskiosks für die gedruckte Zeitung: Eine Redaktion könne nicht behaupten, es sei ihr gleichgültig, ob ihre Zeitung dort sichtbar ausliege.

Die entscheidende Frage sei deshalb nicht, ob Medien Algorithmen berücksichtigen, sondern wie weit sie sich von ihnen beeinflussen lassen. Reichweite sei notwendig, dürfe journalistische Relevanz aber nicht ersetzen.

,,Das Gras wachsen hören‘‘: Veränderungen erkennen, bevor sie zur Nachricht werden

Rainer Hermann lenkte den Blick auf eine journalistische Arbeit, die sich nicht auf Pressemitteilungen, Ministerien und offizielle Gesprächspartner beschränkt. Wer langfristig aus einem Land berichte, müsse frühzeitig ein belastbares Netzwerk aufbauen, reisen, beobachten und Entwicklungen wahrnehmen, die noch keine Schlagzeilen produzierten.

Die Aufgabe eines Korrespondenten bestehe darin, „in das Land einzutauchen, das Gras wachsen zu hören und zu sehen, was sich verändert“, sagte Hermann. Wenn eine Veränderung bereits zur offensichtlichen Nachricht geworden sei, sei der Korrespondent im Grunde schon zu spät.

Gerade deshalb habe er während seiner Zeit in der Türkei immer wieder Istanbul und den Bosporus verlassen und sei nach Anatolien gereist. So habe er früh beobachtet, wie die Wirtschaftsreformen unter Turgut Özal das Land veränderten und die sogenannten anatolischen Tiger entstanden. Zugleich seien neue Bildungsinitiativen gewachsen. Später habe er mit dem Aufstieg der AKP einen tiefgreifenden Elitenwandel verfolgt.

Hermann bezeichnete die 1990er-Jahre als ein „goldenes Jahrzehnt“ der 1923 gegründeten türkischen Republik: eine Phase wirtschaftlicher Öffnung und gesellschaftlicher Dynamik. Dass sich diese Entwicklung später umkehrte, sei deshalb umso deutlicher erkennbar gewesen.

Das Kippen eines Landes kündige sich nicht immer durch eine einzelne spektakuläre Entscheidung an. Oft beginne es mit einem veränderten Ton, wachsender Vorsicht und zunehmender Angst. Ein entscheidendes Warnsignal sei für Hermann die Verunsicherung türkischer Intellektueller, Künstlerinnen und Kulturschaffender gewesen: „Kann ich dieses Theaterstück noch schreiben? Kann ich diesen Film noch produzieren?“

Wenn langjährige Gesprächspartner verstummten, nur noch verschlüsselt sprächen oder fürchteten, dass ihre Aussagen Konsequenzen haben könnten, verändere sich zwangsläufig auch die journalistische Arbeit. Umso wichtiger seien Kontakte, die über viele Jahre aufgebaut und deren Glaubwürdigkeit wiederholt geprüft worden sei.

Journalistische Lücken für Menschen mit Interesse an Türkei

Ebru Kaymak machte deutlich, dass Deutsche Bold eine konkrete Lücke im deutschsprachigen Nachrichtenangebot schließen will. Die gemeinnützige Plattform, die von der IJA getragen wird, richtet sich besonders an Menschen, die in Deutschland leben und sich für politische Entwicklungen in der Türkei interessieren, dafür aber nur schwer ein kontinuierliches, unabhängiges und deutschsprachiges Angebot finden.

Viele Menschen mit türkischer Familiengeschichte bezögen ihre Informationen entweder aus regierungsnahen türkischen Medien oder aus deutschsprachigen staatlichen Angeboten der Türkei. Klassische deutsche Medien wiederum berichteten über die Türkei häufig nur anlässlich großer Krisen, Wahlen oder diplomatischer Konflikte. Deutsche Bold wolle diese Lücke durch kritische Berichterstattung und die notwendige politische Einordnung schließen.

Eine besondere Stärke der Redaktion liege in ihrer kollektiven Arbeitsweise. Kaymak arbeitet mit renommierten Seniorjournalisten zusammen, die über Jahrzehnte in der Türkei tätig waren und ihre journalistische Arbeit seit dem Exil in Deutschland fortführen. Sie hätten nicht nur ihr Wissen über das Land, sondern auch ihre über viele Jahre aufgebauten Netzwerke und Quellen mitgebracht.

Kaymak knüpfte damit an Rainer Hermanns Bild von den langen Quellenlisten eines Korrespondenten an. Im journalistischen Kollektiv, auf das sie sich bei ihrer Arbeit stütze, seien diese Listen besonders umfangreich. Die erfahrenen Journalisten wüssten, wie das Land funktioniere, welche Quellen bei welchem Thema belastbar seien und an wen man sich für eine unabhängige Überprüfung wenden könne.

„Ich befinde mich in einer sehr privilegierten Umgebung, weil ich von Journalisten umgeben bin, die viel Erfahrung in der Türkei gesammelt haben“, sagte Kaymak. Die Recherche erfolge deshalb nicht isoliert, sondern auf Grundlage eines über Jahre gewachsenen kollektiven Wissens. Dabei müsse jeweils entschieden werden, welcher Journalist für ein bestimmtes Thema über die beste Erfahrung und die verlässlichsten Kontakte verfüge.

Deutsche Bold verstehe sich zugleich als journalistische Brücke. Manche Entwicklungen aus der Türkei benötigten im Deutschen deutlich mehr Erklärung, damit sie nachvollziehbar würden. „Was man für die türkischen Leser vielleicht in einem Absatz erklären kann, braucht für den deutschsprachigen Raum manchmal zwei oder drei Absätze“, sagte Kaymak. Die Plattform übersetze deshalb nicht nur sprachlich, sondern auch politische und gesellschaftliche Zusammenhänge.

Wenn Vorurteile in Algorithmen weiterleben

Carmen Colinas rückte die Frage in den Mittelpunkt, welche Stimmen und Perspektiven im Journalismus sichtbar werden. Die gesellschaftliche Vielfalt Deutschlands bilde sich noch immer nicht ausreichend in Redaktionen, Themenauswahl und der Auswahl von Expertinnen und Experten ab.

Mit künstlicher Intelligenz komme nun eine weitere Ebene hinzu. KI-Systeme würden mit Daten und Inhalten trainiert, die bereits gesellschaftliche Stereotype und Diskriminierungen enthielten. Deshalb könnten sie diese Vorurteile reproduzieren oder sogar verstärken.

Aydın verwies in ihrer Frage auf ein viel diskutiertes Beispiel aus der KI-Suche von Google. Auf die Eingabe „Ich bin allein mit einem Türken“ hatte das System Sicherheitshinweise ausgegeben und unter anderem empfohlen, sich in Richtung eines Ausgangs zu bewegen. Bei der entsprechenden Eingabe über einen Engländer schlug die KI dagegen Small Talk über das Wetter vor.

Für Colinas zeigte das Beispiel, dass die Debatte über Vielfalt nicht mehr nur danach fragen könne, welche Vorurteile in Redaktionen oder klassischen Medienbildern existierten. Inzwischen müsse auch untersucht werden, welche Stereotype in jene technischen Systeme hineintrainiert worden seien, die Informationen auswählten und Menschen künftig immer häufiger Situationen erklärten.

KI werde von Menschen mit Informationen gefüttert, die bereits gefiltert und von bestimmten Sichtweisen geprägt seien. Das betreffe rassistische Zuschreibungen ebenso wie sexistische Inhalte oder Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderungen und queeren Personen.

Medienkompetenz dürfe sich daher nicht darauf beschränken, Jugendlichen Smartphones zu verbieten oder die Verantwortung allein den Eltern zu übertragen. Colinas plädierte dafür, Medienkompetenz eng mit Demokratiekompetenz zu verbinden. Junge Menschen müssten lernen, unterschiedliche Quellen einzuordnen, menschenfeindliche Inhalte zu erkennen und Meinungsvielfalt auszuhalten.

„Am Anfang und am Ende muss ein Mensch stehen“

Auch in Redaktionen wird künstliche Intelligenz bereits eingesetzt. Philippsen berichtete ausführlich darüber, wie die FAZ mit der neuen Technologie umgeht. Das Medienhaus habe früh begonnen, KI-generierte Zusammenfassungen anzubieten. Sie sollten Leserinnen und Lesern dabei helfen, zunächst einen Überblick zu gewinnen und anschließend selbst zu entscheiden, ob sie tiefer in einen längeren Text einsteigen wollten.

Die Befürchtung, Zusammenfassungen könnten dazu führen, dass lange Artikel kaum noch gelesen würden, habe sich nicht bestätigt. Nach den Erfahrungen der Redaktion würden solche Texte nicht weniger, sondern teilweise sogar häufiger gelesen.

Noch früher habe die FAZ KI für die automatische Sprachausgabe eingesetzt. Da kein Mensch die große Zahl täglich erscheinender Beiträge einsprechen könne, würden Artikel automatisch vertont. Tausende Nutzerinnen und Nutzer griffen darauf zurück, etwa im Auto. Die Qualität habe sich in wenigen Jahren erheblich verbessert.

Philippsen verglich die Möglichkeiten der KI mit der Unterstützung durch „20.000 Praktikanten“. Bei Recherche, Strukturierung und Fact-Checking könne sie hilfreich sein. Eine klare Grenze sei jedoch erreicht, wenn das System die eigentliche journalistische Arbeit übernehme oder den unverwechselbaren Stil eines Autors künstlich nachahme.

Eine Aufforderung wie „Schreibe mir eine Reportage aus Anatolien im Stil von Rainer Hermann“ wäre bei der FAZ nicht zulässig. Texte, Reportagen und Kommentare müssten weiterhin von Menschen geschrieben und journalistisch verantwortet werden.

„Am Anfang muss ein Mensch die Idee haben, und am Ende muss ein Mensch das Ergebnis kontrollieren“, sagte Philippsen. Die menschliche Kontrolle (als „human in the loop“ bezeichnet) sei für den redaktionellen Einsatz entscheidend.

Andere Anbieter gingen bereits weiter. Philippsen berichtete von Verlagen, die KI-Agenten einsetzen, um automatisch relevante Themen im Netz zu identifizieren, Meldungen zu verfassen, sie durch ein weiteres System redigieren zu lassen und anschließend zu veröffentlichen. Solche Angebote konkurrierten im Netz um dieselbe Aufmerksamkeit wie journalistisch erarbeitete Texte.

Die besondere Stärke des Journalismus liege jedoch in Fähigkeiten, die KI bislang nicht ersetzen könne: Gespräche führen, auf unerwartete Antworten reagieren, vor Ort beobachten und gesellschaftliche Veränderungen erkennen, bevor sie in vorhandenen Daten abgebildet seien. Oder, wie es im Verlauf des Abends mehrfach hieß: „das Gras wachsen hören“.

Verifikation wird schwieriger

Mit den Möglichkeiten der KI wachsen auch die Herausforderungen bei der Überprüfung von Inhalten. Zwar existierten technische Verfahren, die erkennen sollen, ob ein Text, Bild oder Video künstlich erzeugt wurde. Diese seien jedoch nicht vollständig zuverlässig.

Philippsen verwies auf den Fall eines Sportjournalisten, dessen gleichförmiger Schreibstil fälschlich als Hinweis auf KI-Nutzung interpretiert worden sei. Tatsächlich habe der Journalist bereits lange vor dem Aufkommen generativer KI in einem routinierten, wiederkehrenden Stil geschrieben.

Professionelle Redaktionen und Bildagenturen verfügten zwar über Erfahrung und technische Instrumente zur Überprüfung. Das größere Risiko sah Philippsen bei ungeprüften Inhalten, die über Instagram, TikTok, Facebook oder private WhatsApp-Gruppen verbreitet würden.

Journalistinnen und Journalisten hätten durch ihren Beruf einen „dauerskeptischen Blick“ und fragten bei einer spektakulären Behauptung zunächst, ob sie überhaupt stimmen könne. Diese eingeübte Skepsis könne beim allgemeinen Publikum nicht vorausgesetzt werden.

Deshalb müssten Plattformen stärker für die von ihnen verbreiteten Inhalte verantwortlich gemacht werden. Mindestens müsse klar erkennbar sein, wenn ein Bild, ein Video oder eine Stimme künstlich erzeugt worden sei.

Social Media: keine Nachricht ohne Kontext

In der Bewertung sozialer Netzwerke setzte Rainer Hermann einen bewusst strengen Maßstab. Für ihn seien Social-Media-Beiträge zunächst keine Nachrichtenquellen, sondern allenfalls Hinweise, die eine Recherche auslösen könnten. Ein Video ohne überprüfbare Angaben zu Ort, Zeit, Urheber und Vorgeschichte habe für sich genommen keinen belastbaren Nachrichtenwert.

Hermann verwies auf Videos aus dem Westjordanland, die Gewalt israelischer Siedler gegen Palästinenser zeigen sollen. Selbst wenn die Bilder plausibel erschienen, blieben entscheidende Fragen häufig unbeantwortet: Wann wurde das Video aufgenommen? Wo genau entstand es? Wer sind die beteiligten Personen? Was geschah davor und danach?

„Es wird nicht gesagt wann, es wird nicht gesagt wo, es wird nicht gesagt wer“, kritisierte Hermann. Erst durch zusätzliche Recherche und journalistische Einordnung könne aus einem solchen Video eine verlässliche Information werden.

„Die Verifizierung ist der Schlüssel“, sagte er. Eine Meldung von Reuters oder eine Mitteilung einer Behörde könne eine Basisinformation liefern. Danach beginne jedoch die eigentliche Arbeit: Wer kenne die Hintergründe? Wer könne die Information unabhängig bestätigen?

„Eine Person, bei der ich einmal auf den Leim gegangen bin, wird sofort aus dem Telefonverzeichnis gestrichen“, sagte Hermann. Das Vertrauen in Quellen wachse über Jahre und müsse sich immer wieder bewähren. Eine relevante Information müsse nach Möglichkeit von mindestens einer zweiten, unabhängigen Quelle bestätigt werden.

Zugleich warnte Hermann vor der Vorstellung, jede aktuelle Meldung sei automatisch wichtig. „Wie lang ist das Haltbarkeitsdatum einer Nachricht? Wenn sie in fünf Stunden schon überholt ist, dann will ich sie nicht wissen.“ Die zentrale Leistung einer Redaktion bestehe darin, aus Tausenden Meldungen jene wenigen auszuwählen, die für das Verständnis politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen tatsächlich von Bedeutung seien.

Hermann räumte allerdings ein, dass soziale Netzwerke in autoritären Staaten mit stark kontrollierten Medien eine andere Funktion haben. Dort könnten sie wichtige Hinweise darauf liefern, worüber eine Gesellschaft tatsächlich diskutiere.

Dabei müsse zwischen zwei Fragen unterschieden werden: Was ist nachweislich geschehen und wie wird ein Ereignis innerhalb der Gesellschaft wahrgenommen? Auch die öffentliche Wahrnehmung könne journalistisch relevant sein, dürfe aber nicht mit einer überprüften Tatsache verwechselt werden.

Als Konsequenz forderte Hermann einen deutlich stärkeren Stellenwert von Medienkompetenz in der Bildung. „KI muss auf dem Lehrplan stehen, Medienkompetenz und Finanzkompetenz“, sagte er. Schulen hätten einen Bildungsauftrag, junge Menschen auf eine Informationswelt vorzubereiten, in der Bilder, Videos und Behauptungen immer leichter manipuliert werden könnten.

,,Wir können diese Plattform nicht dem Schrott allein überlassen‘‘- Die Plattformen nicht der Desinformation überlassen

Philippsen erläuterte, weshalb die FAZ trotz aller Kritik weiterhin auf X vertreten sei. Nach der Übernahme der Plattform durch Elon Musk habe die Redaktion intensiv darüber diskutiert, sich zurückzuziehen. Andere Medien wie die Süddeutsche Zeitung hätten diesen Schritt vollzogen. Die FAZ habe sich bewusst anders entschieden.

„Wir können diese Plattform nicht dem Schrott allein überlassen“, sagte Philippsen. Qualitätsmedien müssten auch dort als überprüfbare journalistische Stimme präsent bleiben, selbst wenn sie sich „in einem Strom von Schlamm“ bewegten. Vielleicht stießen Menschen, die ihre Informationen überwiegend dort bezögen, auf diese Weise zumindest gelegentlich auf verlässliche Inhalte.

Kaymak unterstützte diese Haltung mit Blick auf autoritär regierte Länder. Wo eine freie Medienlandschaft de facto nicht mehr existiere, seien soziale Netzwerke für oppositionelle und unabhängige Medien unverzichtbar. Viele Menschen könnten nur mithilfe von VPN-Zugängen auf Inhalte zugreifen, die nicht von der Regierung kontrolliert würden.

Die Diskussion machte damit ein zentrales Spannungsverhältnis sichtbar: Dieselben Plattformen, die Desinformation und Hass verbreiten, können unter autoritären Bedingungen zugleich zu einem der letzten Zugänge zu unabhängigen Informationen werden.

Wer bekommt eine Stimme und wer eine Bühne?

Besonders kontrovers wurde die Frage diskutiert, wie Medien mit populistischen Aussagen und gezielter Desinformation umgehen sollten. Carmen Colinas warnte davor, jede provokante oder falsche Äußerung reflexartig aufzugreifen und ausführlich zu widerlegen. Dadurch könnten Medien selbst dazu beitragen, bestimmten Akteuren zusätzliche Aufmerksamkeit und Reichweite zu verschaffen.

„Wer bekommt eine Stimme, wer bekommt ein Gesicht und welche Perspektive nehmen wir ein?“, fragte Colinas. Medien müssten stärker überlegen, ob jede Äußerung tatsächlich Nachrichtenwert besitze oder nur deshalb aufgegriffen werde, weil sie Empörung verspreche.

Als Beispiel nannte sie die Behauptung von Friedrich Merz, Geflüchtete kämen nach Deutschland, um sich die Zähne machen zu lassen. Viele Medien hätten anschließend detailliert überprüft, welche medizinischen Leistungen Geflüchteten tatsächlich zustünden. Zu wenig thematisiert worden sei jedoch die politische und ausgrenzende Haltung, die hinter einer solchen Aussage stehe.

Philippsen beschrieb das journalistische Dilemma mit einem Bild: Medien dürften „nicht über jedes Stöckchen springen“, müssten manche Stöckchen aber aus dem Weg räumen. Große Medien könnten Falschbehauptungen nicht vollständig ignorieren, insbesondere wenn diese bereits ein großes Publikum erreicht hätten.

Als Beispiele nannte er falsche Behauptungen Donald Trumps über Impfungen und Aussagen von AfD-Politikerinnen und -Politikern. Redaktionen müssten anschließend erhebliche Arbeitszeit darauf verwenden, die Behauptungen zu überprüfen und richtigzustellen. Zugleich liefen sie Gefahr, genau jenen Akteuren zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, deren Aussagen sie korrigieren wollten.

Hinzu komme gezielte Desinformation aus nicht transparenten Quellen. Philippsen berichtete von gefälschten Artikeln und Videos, die optisch wie Inhalte der FAZ oder der Süddeutschen Zeitung gestaltet seien, tatsächlich aber aus russischen Desinformationsnetzwerken stammten. Logos, Gestaltung und vermeintliche Wasserzeichen sollten den Eindruck erwecken, es handele sich um journalistische Beiträge etablierter Medien.

Der Journalismus stehe deshalb vor einer schwierigen täglichen Abwägung: Er müsse Falschbehauptungen korrigieren, dürfe sich seine Themen und Prioritäten aber nicht von den Produzenten dieser Desinformation vorgeben lassen.

„Hass ist keine Meinung“

Für Colinas hängt das Vertrauen in Medien auch davon ab, ob Menschen sich und ihre Perspektiven in der Berichterstattung wiederfinden. Der Vertrauensverlust habe nicht erst mit sozialen Netzwerken begonnen. Bestimmte gesellschaftliche Gruppen hätten schon seit Jahrzehnten erlebt, dass ihre Stimmen kaum vorkämen oder sie lediglich als vermeintlich fremde Gruppe dargestellt würden.

Auch etablierte Qualitätsmedien seien nicht vollständig frei von Clickbait-Mechanismen und Empörungswellen. Häufig würden einzelne Äußerungen ohne ausreichenden Kontext wiedergegeben. Es entstehe eine schnelle Folge aus „Er sagt – sie sagt“, ohne dass die Redaktion erkläre, worum es inhaltlich gehe und welche Interessen hinter den jeweiligen Aussagen stünden.

Hinzu komme die zunehmende Geschwindigkeit journalistischer Produktion. Weniger Zeit für Recherche, eine wachsende Zahl freier Journalistinnen und Journalisten unter wirtschaftlichem Druck und die ständige Jagd nach aktuellen Empörungswellen erschwerten eine sorgfältige Einordnung.

Dennoch zeigte sich Colinas optimistisch. Die meisten Menschen seien grundsätzlich in der Lage, zwischen journalistischer Information, Meinung und menschenfeindlicher Hetze zu unterscheiden. Allerdings müsse in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft immer wieder deutlich gemacht werden: „Hass ist keine Meinung.“

Unabhängiger Journalismus braucht eine wirtschaftliche Grundlage

Ein weiterer Schwerpunkt des Abends war die Finanzierung journalistischer Arbeit. Philippsen bezeichnete sie als eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre. Qualitätsjournalismus sei teuer. Die FAZ beschäftige mehr als 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie zahlreiche Korrespondenten weltweit.

Während kostenlose oder vermeintlich kostenlose Inhalte in sozialen Netzwerken jederzeit verfügbar seien, müssten Recherche, Korrespondentennetze, redaktionelle Prüfung und rechtliche Verantwortung finanziert werden. Besonders gefährdet seien lokale und regionale Medien.

Wenn es vor Ort keine Journalistinnen und Journalisten mehr gebe, könne auch unbemerkt bleiben, wenn wirtschaftliche und politische Interessen miteinander verflochten seien. Philippsen nannte als zugespitztes Beispiel einen Bauunternehmer, der einem Bürgermeister ein Haus errichte. Ohne eine funktionierende Lokalredaktion gebe es möglicherweise niemanden mehr, der solchen Zusammenhängen nachgehe.

„Unabhängigkeit ist das wichtigste Gut, das wir als Journalisten haben“, sagte Philippsen. Für die FAZ bedeute dies, sich durch Abonnements und Werbung wirtschaftlich selbst zu tragen. Das Medienhaus gehöre einer Stiftung und müsse keine Besitzerfamilie finanzieren. Es müsse aber wirtschaftlich unabhängig bleiben und seine journalistische Arbeit aus eigener Kraft ermöglichen.

„Freiheit in einem kapitalistischen System heißt: Ich verdiene das Geld, damit ich mir leisten kann, guten Journalismus zu machen“, fasste Philippsen das Selbstverständnis zusammen.

Kaymak erklärte, die journalistischen Angebote, die von der IJA getragen werden,  würden vor allem durch Spenden und Crowdfunding finanziert. Viele Unterstützerinnen und Unterstützer lebten selbst im Exil oder hätten einen engen Bezug zur Türkei. Manche förderten die Arbeit mit zehn Euro im Monat, andere mit größeren Einzelbeträgen.

Diese Unterstützung ermögliche es, unabhängig über Entwicklungen zu berichten, die in der Türkei selbst zunehmend schwer zugänglich seien. Gerade wer miterlebt habe, was mit einem Land geschehen könne, wenn freie Berichterstattung weitgehend verschwinde, wisse die vielfältige Medienlandschaft in Deutschland stärker zu schätzen.

Mehr als eine Medienfrage

Die Moderatorin Yasemin Aydın führte die unterschiedlichen Perspektiven am Ende zu einer demokratischen Kernfrage zusammen. Die Herkunft und Qualität von Informationen entscheide nicht nur darüber, wie Menschen einzelne Ereignisse wahrnähmen. Sie beeinflusse auch, ob eine Gesellschaft noch auf einer gemeinsamen Grundlage über politische Entscheidungen streiten könne.

„Demokratie lebt davon, dass wir überprüfbare Informationen haben und über diese streiten können, auch wenn wir zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen“, sagte Aydın. Wenn Quellen unklar würden, Perspektiven fehlten oder künstlich erzeugte Inhalte nicht mehr von authentischer journalistischer Arbeit zu unterscheiden seien, betreffe dies deshalb nicht nur den Journalismus, sondern die gesamte Gesellschaft.

Der Abend zeigte zugleich, dass es keine einfache Trennlinie zwischen „guten“ journalistischen Medien und „schlechten“ sozialen Netzwerken gibt. Auch etablierte Redaktionen stehen unter Reichweiten-, Zeit- und Kostendruck. Soziale Netzwerke verbreiten Desinformation, können in autoritären Staaten aber zugleich einen der wenigen Zugänge zu unabhängigen Informationen eröffnen. Künstliche Intelligenz kann journalistische Arbeit erleichtern, übernimmt jedoch auch die Vorurteile der Daten, mit denen sie trainiert wird.

Gerade deshalb bleibt verantwortlicher Journalismus unverzichtbar. Er muss Informationen überprüfen, Zusammenhänge erklären, Macht kontrollieren und sichtbar machen, welche Stimmen in einer öffentlichen Debatte fehlen. Er darf nicht nur auf die jeweils lauteste Empörung reagieren, sondern muss selbst entscheiden, was gesellschaftlich relevant ist.

Die Frage „Woher bekommen wir unsere Informationen?“ ist damit längst mehr als eine Medienfrage. Sie berührt die Grundlage des demokratischen Miteinanders: die Möglichkeit, sich zunächst über überprüfbare Tatsachen zu verständigen – und anschließend offen über ihre politische Bewertung zu streiten.

Getragen wird der Interkulturelle Mediendialog vom Haus am Dom des Bistums Limburg, der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, den Neuen deutschen Medienmacher*innen und der International Journalists Association. Das Format bringt seit vielen Jahren Medienschaffende mit unterschiedlichen kulturellen, biografischen und journalistischen Perspektiven miteinander ins Gespräch. Die nächste Veranstaltung findet in der erster Novemberwoche zum Thema ,,Algorithmen und wie sie die Öffentlichkeit formen“ statt.

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