Seit mehr als zwei Jahrzehnten prägt Eva von Angern die Landespolitik in Sachsen-Anhalt. Die 49-Jährige sitzt seit 2002 im Landtag und führt dort seit Dezember 2020 die Fraktion der Linken. Bei der Landtagswahl am 6. September tritt sie erneut als Direktkandidatin an. Ihr politischer Kurs ist dabei von einem klaren Gegensatz geprägt: Während sie die AfD entschieden bekämpft, wirbt sie gegenüber anderen demokratischen Parteien für Gesprächsbereitschaft – selbst wenn es sich um die CDU handelt.
Von der angehenden Lehrerin zur Juristin
Ihr Weg in die Politik war nicht von Anfang an vorgezeichnet. Nach ihrem Abitur 1995 wollte Eva von Angern zunächst Lehrerin werden. Weil sie den für das Studium erforderlichen Sprachtest nicht bestand, entschied sie sich für einen anderen Weg und begann ein Jurastudium in Halle-Wittenberg.
Politisch orientierte sie sich zunächst nicht ausschließlich an einer Partei. Als junge Frau sammelte sie Erfahrungen bei den Jugendorganisationen von SPD und Grünen. 1996, im Alter von 19 Jahren, trat sie schließlich der PDS bei, der späteren Linkspartei.
Ausschlaggebend für ihr politisches Engagement waren nach ihrer eigenen Darstellung insbesondere die Erfahrungen der 1990er-Jahre. Die damalige rechtsextreme Gewalt und zahlreiche Übergriffe hätten bei ihr das Bedürfnis verstärkt, sich politisch einzumischen. Der Kampf gegen Rechtsextremismus und für demokratische Grundrechte wurde damit zu einem wiederkehrenden Motiv ihrer politischen Laufbahn.
Seit 2002 im Landtag
2002 zog von Angern erstmals in den Landtag von Sachsen-Anhalt ein. Seitdem gehört sie dem Parlament ohne Unterbrechung an. Ende 2020 übernahm sie den Vorsitz der Linksfraktion.
Bei der anstehenden Wahl tritt sie erneut als Direktkandidatin an. Die Ausgangslage für ihre Partei ist allerdings anspruchsvoll: In aktuellen Umfragen liegt die Linke in Sachsen-Anhalt bei etwa zwölf bis 13 Prozent.
Damit geht es für von Angern nicht nur darum, die eigene Partei möglichst stark durch die Wahl zu bringen. Sie muss zugleich eine politische Antwort auf die veränderten Kräfteverhältnisse im Land finden.
Eine Linke mit Gesprächsangebot an die CDU
Besonders interessant ist dabei ihr Verhältnis zur CDU. Von Angern war über Jahre für eine deutliche politische Abgrenzung von den Christdemokraten bekannt. Inzwischen betont sie stärker die Gemeinsamkeiten demokratischer Parteien.
Sie hält es für notwendig, dass CDU und Linke trotz erheblicher Differenzen miteinander sprechen. Als gemeinsame Grundlage nennt sie den Schutz der Demokratie, der Grund- und Freiheitsrechte sowie die Unabhängigkeit der Justiz.
Diese Position brachte sie auch innerhalb ihrer eigenen Partei in eine schwierige Lage. Auf dem Bundesparteitag der Linken in Potsdam im Juni 2026 wandte sie sich gegen Überlegungen, Gespräche mit der CDU grundsätzlich auszuschließen. Für eine Landespolitikerin wie von Angern wäre eine solche Vorgabe problematisch, weil nach einer Landtagswahl Gespräche über mögliche Mehrheiten und Regierungsbildungen notwendig werden könnten.
Von Angern schließt deshalb auch nicht grundsätzlich aus, einer CDU-geführten Regierung bei der Wahl des Ministerpräsidenten eine Mehrheit zu ermöglichen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie eine politische Zusammenarbeit ohne Bedingungen akzeptieren würde.
Die Linke müsse ihre eigenen Positionen bewahren, macht von Angern deutlich. Eine Unterstützung der CDU könne es aus ihrer Sicht nicht geben, wenn dafür die vollständige Übernahme von CDU-Politik verlangt werde. Gerade bei Migration und Sozialpolitik liegen die Parteien weit auseinander.
Die AfD als klare rote Linie
Anders fällt von Angerns Haltung gegenüber der AfD aus. Hier gibt es für sie keine vergleichbare Bereitschaft zur Annäherung. Ihre entschiedene Haltung gegen Rechtsextremismus ist eng mit ihrer eigenen politischen Biografie verbunden.
Dass sie selbst zur Zielscheibe politischer Hetze geworden ist, machte von Angern 2024 im Landtag öffentlich. Sie thematisierte dort Hassnachrichten, die gegen sie gerichtet waren.
Die AfD betrachtet von Angern deshalb als grundlegend anders als die CDU. Während sie die Christdemokraten trotz politischer Gegensätze als Teil des demokratischen Spektrums betrachtet, sieht sie in der AfD eine Gefahr für die demokratische Kultur des Landes.
Ihre politische Priorität formuliert sie entsprechend deutlich: Die AfD soll nach der Wahl keinen Zugriff auf die Regierungsgewalt bekommen. „Als Linke sind wir bereit, alles dafür zu tun, um die AfD von den Hebeln der Macht fernzuhalten“, betont sie im Interview mit dem MDR.
Dafür zeigt sie sich bereit, mit anderen demokratischen Parteien nach gemeinsamen Lösungen zu suchen.
Migration: Gegen die Fixierung auf Abschiebungen
Ein weiteres wichtiges Thema ihres Wahlkampfes ist die Migration. Von Angern lehnt die Vorstellung ab, dass eine größere Zahl von Abschiebungen die Probleme Sachsen-Anhalts lösen könnte. Aus ihrer Sicht wird die öffentliche Debatte zu stark auf dieses Thema konzentriert.
Statt Menschen mit Migrationsgeschichte vor allem mit Kriminalität oder gesellschaftlichen Problemen in Verbindung zu bringen, möchte sie deren Beitrag zur Gesellschaft stärker hervorheben. Dabei geht es ihr nach eigener Darstellung auch darum, den Blick auf die Zukunft des Landes zu richten.
Ihre Position steht damit deutlich im Gegensatz zu Forderungen nach einem härteren migrationspolitischen Kurs. Gleichzeitig ist genau dieses Thema eines der Felder, bei denen sie selbst erhebliche Unterschiede zwischen der Linken und der CDU sieht.
Demokratie als Wahlkampfthema
Von Angern beschreibt den aktuellen Wahlkampf nicht ausschließlich als Auseinandersetzung um klassische Sachthemen. Sie nimmt nach eigenen Angaben eine zunehmende Verunsicherung in der Gesellschaft wahr.
Dabei verweist sie nicht nur auf die Situation von Menschen mit Migrationsgeschichte. Auch Journalistinnen und Journalisten, Kulturschaffende und politisch engagierte Menschen könnten Angst davor haben, dass demokratische Freiheiten und insbesondere die Pressefreiheit unter Druck geraten.
Für von Angern wird der Schutz der Demokratie deshalb zu einer Art verbindendem Element zwischen politischen Lagern, die ansonsten weit auseinanderliegen. Ihre Schlussfolgerung: Demokratische Parteien müssen trotz grundlegender Unterschiede in der Lage sein, Kompromisse zu finden.
Zwischen Kompromiss und klarer Abgrenzung
Gerade diese Haltung könnte für Eva von Angern nach der Wahl entscheidend werden. Ihre Bereitschaft, auch mit der CDU zu sprechen, unterscheidet sie von Kräften innerhalb der Linken, die eine schärfere Abgrenzung gegenüber den Christdemokraten bevorzugen.
Damit riskiert sie zugleich Konflikte in den eigenen Reihen. Ihr Kurs zeigt einen politischen Spagat: Einerseits muss sie als Spitzenkandidatin die eigenständigen Positionen der Linken vertreten, andererseits will sie verhindern, dass politische Mehrheiten der AfD ermöglichen, Einfluss auf die Landesregierung zu gewinnen.
Die politische Erfahrung dafür bringt sie mit. Seit 2002 sitzt von Angern im Landtag, seit fast sechs Jahren führt sie die Linksfraktion. Ihre politische Laufbahn begann jedoch lange vor ihrer Zeit im Parlament – geprägt von den Erfahrungen der Nachwendezeit, ihrem Engagement gegen Rechtsextremismus und dem Anspruch, politische Entscheidungen über die Grenzen des eigenen Parteimilieus hinaus zu denken.
Ob dieser pragmatische Kurs bei den Wählerinnen und Wählern verfängt, wird sich am 6. September zeigen. Fest steht schon vor der Wahl: Eva von Angern steht für eine Linke, die in zentralen Fragen klare rote Linien zieht, gleichzeitig aber den Dialog mit anderen demokratischen Parteien sucht. Zwischen linker Programmatik, der Abgrenzung zur AfD und der möglichen Zusammenarbeit mit der CDU versucht sie, ihrer Partei einen Platz in einem zunehmend komplizierten politischen Kräftefeld Sachsen-Anhalts zu sichern.

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