Sechs Tote nach Schüssen in Jugendhilfeeinrichtung – Ermittler sehen Sorgerechtsstreit als mutmaßliches Motiv

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Nach den tödlichen Schüssen in einer Jugendhilfeeinrichtung im niedersächsischen Stade verdichten sich die Hinweise darauf, dass ein Sorgerechtsstreit Auslöser der Tat gewesen sein könnte. Sechs Menschen kamen ums Leben. Der mutmaßliche Schütze, ein 45 Jahre alter Deutscher aus dem Raum Hannover, wurde nach kurzer Flucht festgenommen. Die Staatsanwaltschaft will über die Beantragung eines Haftbefehls entscheiden.

Sorgerechtsstreit als mutmaßlicher Auslöser

Nach Angaben der Ermittler befanden sich die drei Monate alte Tochter des Verdächtigen und deren 34 Jahre alte Mutter in der Einrichtung. Für Montag war dort ein Hilfeplangespräch angesetzt, an dem neben Mitarbeitenden des Jugendhilfeträgers und des Jugendamts auch der Beschuldigte teilnehmen sollte. Polizeipräsidentin Kathrin Schuol bezeichnete einen Sorgerechtsstreit als mutmaßlichen Hintergrund der Tat. Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) sprach von einer „kaltblütigen Gewalttat“ ohne politische oder wirtschaftliche Hintergründe, die offenbar familiär motiviert gewesen sei.

Unter den Getöteten sind vier Frauen und zwei Männer. Sie arbeiteten nach Angaben der Polizei für einen Jugendhilfeträger beziehungsweise ein Jugendamt. Nach Informationen des NDR gehörten drei der Opfer dem Jugendamt der Region Hannover an. Die Region Hannover bestätigte dies auf Anfrage des Senders und erklärte, man sei über die Tat „zutiefst erschüttert“ und „fassungslos“. Aus Respekt vor den Betroffenen und mit Blick auf die laufenden Ermittlungen wolle man sich derzeit nicht weiter äußern.

Nach NDR-Informationen war die Tochter des Verdächtigen zuvor aus der Familie genommen worden. Unter Auflagen durfte sie demnach zwar zur Mutter zurückkehren, jedoch nicht an deren Wohnort in Hannover, sondern in die Mutter-Kind-Einrichtung in Stade. Mutter und Kind blieben bei dem Angriff unverletzt. Das Jugendamt nahm das Kind zunächst in Obhut, die Mutter wurde vorübergehend in Gewahrsam genommen und sollte anschließend vernommen werden.

Flucht endet nach Polizeieinsatz

Die ersten Notrufe gingen am Montag gegen Mittag bei der Polizei ein. Als die Einsatzkräfte die Einrichtung erreichten, bot sich ihnen nach den Worten Schuols ein „grausames Bild“. Vier Menschen waren bereits tot, ein weiteres Opfer starb trotz Reanimationsversuchen noch am Tatort. Eine sechste verletzte Person erlag später im Krankenhaus ihren Schussverletzungen.

Der Tatverdächtige flüchtete anschließend in einem Auto, das von einer 65 Jahre alten Frau gesteuert wurde. Im Zuge einer großangelegten Fahndung stoppten Polizeibeamte das Fahrzeug. Dabei gaben sie Schüsse auf den Wagen ab. Der Verdächtige und die Fahrerin blieben unverletzt und wurden festgenommen. Nach Angaben der Ermittler handelt es sich bei der Frau um eine Person aus dem erweiterten Familien- oder Bekanntenkreis des 45-Jährigen.

Die mutmaßliche Tatwaffe wurde sichergestellt. Um welche Waffe es sich handelt und auf welchem Weg der Verdächtige in ihren Besitz gelangte, ist weiterhin Gegenstand der Ermittlungen. Eine waffenrechtliche Erlaubnis besaß der Mann nach Angaben der Polizei nicht. Er war den Behörden bereits wegen Bedrohung bekannt, galt den polizeilichen Auskunftssystemen zufolge jedoch nicht als besonders gewaltbereit.

Ermittlungen dauern an

Die Ermittlungen zur genauen Abfolge der Tat dauern an. Die Polizei verweist auf die umfangreiche Spurensicherung und hat ein Hinweisportal eingerichtet, über das Zeugen Fotos, Videos und andere Informationen übermitteln können.

Die Tat löste bundesweit Bestürzung aus. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärte auf der Plattform X, die Nachricht aus Stade erschüttere „bis ins Mark“. Viele Menschen, „die helfen und schützen wollten“, hätten ihr Leben verloren oder seien verletzt worden. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigte sich ebenfalls tief betroffen und sprach von einem Gewaltausbruch an einem Ort, der Schutz bieten solle. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) rief dazu auf, den Ermittlungen den notwendigen Raum zu geben und voreilige Schlussfolgerungen zu vermeiden.

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