Die Leitung des Hochsicherheitsgefängnisses Silivri Nr. 8 in der Türkei hat eine Sendung mit religiösen Schriften des bekannten islamischen Gelehrten Said Nursi abgewiesen, die an inhaftierte Personen geschickt worden war. Wie das regierungskritische Nachrichtenportal TR724 berichtet, wurden zwei Exemplare des Risale-i Nur, der zentralen Textsammlung der von Nursi inspirierten Nur-Bewegung, ungeöffnet zurückgeschickt – ohne Angabe konkreter Sicherheitsbedenken.
Die Bücher waren von einem Team der oppositionell orientierten Zeitung Yeni Asya an Insassen verschickt worden. Die Gefängnisleitung verwies lediglich auf „Verwaltungsvorschriften“, ohne nähere Begründung. Kritiker sprechen von willkürlicher Zensur. Kazım Güleçyüz, ehemaliger Chefredakteur von Yeni Asya, bezeichnete die Rückweisung als „ein weiteres Beispiel für staatliche Willkür“. Güleçyüz war selbst im Jahr 2024 in Silivri inhaftiert worden – wegen eines öffentlichen Beileidsbekundung nach dem Tod des islamischen Gelehrten Fethullah Gülen.
Ein Erbe unter politischem Druck
Fethullah Gülen, der 2024 im Alter von 83 Jahren in den USA verstarb, war stark von Nursis Gedanken geprägt und hatte die Lektüre des Risale-i Nur unter seinen Anhängern stets gefördert. Obwohl Gülen weltweit für interreligiösen Dialog und Bildungsarbeit bekannt war, beschuldigte ihn die türkische Regierung, hinter den Korruptionsermittlungen von 2013 und dem Putschversuch 2016 zu stehen – Vorwürfe, die Gülen stets zurückwies.
Das Risale-i Nur, ein Koran-Kommentar des kurdisch-sunnitischen Gelehrten Said Nursi aus dem frühen 20. Jahrhundert, ist in der Türkei seit den 1950er Jahren legal veröffentlicht und verbreitet worden. Die Sammlung gilt als unpolitisch und ist für viele religiöse Muslime ein zentraler Bestandteil islamischer Bildung.
Präsident Recep Tayyip Erdoğan und seine regierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) berufen sich zwar oft positiv auf Nursis Erbe. Doch Vertreter der Yeni-Asya-Bewegung, einer der aktivsten Strömungen innerhalb der Nur-Bewegung, werfen der Regierung vor, die Religion zu instrumentalisieren und gleichzeitig ernsthafte religiöse Traditionen zu marginalisieren.
Zensur unter religiösem Deckmantel
Die Weigerung, religiöse Bücher an Gefangene auszuhändigen, wirft Fragen zur Religionsfreiheit auf – insbesondere im Kontext der Hunderte von Häftlingen in Silivri, die wegen angeblicher Verbindungen zur Gülen-Bewegung verurteilt wurden. Menschenrechtsorganisationen äußern zunehmend Sorge über die Praxis, religiöse Texte in Haftanstalten politisch zu bewerten. Die Einschränkung des Zugangs zu Werken wie dem Risale-i Nur verstößt laut Kritikern sowohl gegen türkisches Recht als auch gegen internationale Standards zur Religionsfreiheit.
Wachsende Entfremdung unter religiösen Konservativen
Die Yeni-Asya-Zeitung gehört zu den wenigen religiösen Gruppen, die sich von Anfang an offen gegen die Verhaftungswellen nach dem gescheiterten Putsch 2016 positionierten. Während andere Teile der Nur-Bewegung die Maßnahmen der Regierung unterstützten oder schwiegen, warnte Yeni Asya wiederholt davor, dass die Repression gegen eine religiöse Strömung leicht auf andere ausgeweitet werden könne – ungeachtet ideologischer Unterschiede.
Vertreter der Bewegung kritisieren, dass Erdoğan in der Öffentlichkeit zwar Respekt für Nursi bekunde, in Wahrheit aber dessen Grundwerte untergrabe. Dazu zählen insbesondere die Ablehnung politischer Vereinnahmung des Islam sowie das Eintreten für friedliche religiöse Erneuerung durch Bildung.
Religion im Dienst der Macht
Trotz der Legalität der Werke Nursis wird ihre Behandlung zunehmend von politischer Loyalität bestimmt. Beobachter stellen fest, dass sich das Verhältnis der Erdoğan-Regierung zu religiösen Gemeinschaften zu einer selektiven Allianz entwickelt hat: Wer loyal ist, wird willkommen geheißen – wer kritisiert, wird marginalisiert. Dabei werde Religion immer öfter als Mittel zur Machtsicherung verwendet.
Die Blockade des Risale-i Nur ist für viele ein weiterer Beleg für die Entfremdung gläubiger Konservativer, die weder mit radikalem Islamismus noch mit staatlich gesteuerter Religionspolitik etwas zu tun haben wollen. Für sie steht fest: Ein Staat, der selbst grundlegende religiöse Texte zensiert, entfernt sich zunehmend vom Prinzip der Glaubensfreiheit.

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