Kölner Dom: Muslimischer Gebetsort

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Ein Morgen im Jahr 1965, der heute fast unwirklich erscheint: Hunderte muslimische Gastarbeiter beten im Kölner Dom – mitten im Herzen einer katholischen Kathedrale. Was als pragmatische Lösung beginnt, wird zu einem Moment, der bis heute nachwirkt. 

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Für viele Muslime beginnt morgen früh das Bayram-Fest. Nach vier Wochen des Fastens endet der Ramadan, und das Fest beginnt traditionell mit einem gemeinsamen Gebet.

Auch in Deutschland gehört dieses Ritual heute selbstverständlich zum religiösen Leben. Mit rund 5,5 Millionen Menschen stellen Muslime etwa 6,6 Prozent der Bevölkerung und sind damit die zweitgrößte religiöse Gruppe des Landes.

Doch im Jahr 1965 war die Situation eine andere.

ln, 3. Februar 1965.

An diesem Wintermorgen stehen Hunderte muslimische Gastarbeiter vor einer ganz praktischen Herausforderung. Sie möchten gemeinsam das Ende des Ramadan begehen, doch es fehlt an einem geeigneten Ort für das Festgebet. Moscheen existieren zu diesem Zeitpunkt in Köln noch nicht.

Was folgt, ist eine ebenso ungewöhnliche wie bemerkenswerte Entscheidung.

Nach den wenigen erhaltenen Quellen beginnt alles mit einer Anfrage. In den Ford-Werken arbeiten rund 2.000 muslimische Gastarbeiter, die sich zum Gebet versammeln möchten, jedoch keine Räumlichkeiten haben. Am Kölner Dom geht ein entsprechender Anruf ein.

Wer genau die Entscheidung trifft, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Die Archive sind lückenhaft. Vieles spricht dafür, dass ein Mitglied des Domkapitels kurzfristig telefonisch zustimmt und die Nutzung des Doms ermöglicht. Die Entscheidung wird offenbar spontan getroffen und im Nachhinein mitgetragen.

Am Morgen des 3. Februar betreten mehrere hundert Männer das nördliche Seitenschiff des Doms. Auf den kalten Steinfliesen breiten sie Gebetsteppiche aus, einige legen Zeitungen unter sich. Anschließend richten sie sich in Richtung Mekka aus und beginnen mit dem Gebet.

Die Gebetsrufe hallen durch das hohe Kirchenschiff und erzeugen eine ungewohnte Atmosphäre. Für einen Moment verändert sich die Wahrnehmung dieses Raumes. Zwei religiöse Traditionen begegnen sich an einem Ort, der üblicherweise ausschließlich dem christlichen Gottesdienst vorbehalten ist.

Das Ereignis bleibt nicht unbemerkt. Zeitungen berichten, Köln habe „Kopf gestanden“ – nicht wegen des Karnevals, sondern wegen dieses außergewöhnlichen Gebets im Dom. Die Kölnische Rundschau spricht von einem „Tag, der Religionsgeschichte gemacht hat“.

Gleichzeitig bleibt vieles im Unklaren. Es existieren weder fotografische Dokumente noch ausführliche Berichte in den Archiven des Doms. Das Geschehen ist vor allem durch zeitgenössische Presseberichte überliefert.

Auch innerhalb der Kirche ist die Entscheidung nicht unumstritten. Es gibt Vorbehalte, und aus dem Vatikan werden kritische Stimmen laut. Es bleibt bei diesem einen Ereignis.

Die muslimischen Arbeiter sammeln Geld und spenden es für den Dom. Der Imam bedankt sich beim Domkapitel ausdrücklich für die „brüderliche Geste“.

Der Dom blieb und bleibt ein christliches Gotteshaus.

Dieser eine Morgen hat Spuren hinterlassen. Nicht sichtbar in der Architektur, sondern im kollektiven Gedächtnis der Stadt.

Gesellschaftliches Zusammenleben entsteht oft in konkreten Situationen, in denen pragmatische Entscheidungen getroffen werden.

Der 3. Februar 1965 bleibt ein Beispiel dafür, wie unter besonderen Umständen ein Raum geteilt wurde – und wie daraus ein Moment entstand, der bis heute nachwirkt.

Video zum Thema Ramadan im Kölner Dom 

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