Eine neue Dokumentation, die vor dem zehnten Jahrestag der Ereignisse vom 15. Juli 2016 veröffentlicht wurde, richtet den Blick auf einen der umstrittensten Schauplätze jener Nacht: das Hauptquartier des Generalkommandos der Gendarmerie in Ankara.
Der Film mit dem Titel „Beştepe“ stützt sich auf Augenzeugenberichte, Gerichtsaussagen und Prozessakten. Er zeichnet ein Bild, das deutlich von der offiziellen Regime-Darstellung abweicht. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die Ereignisse innerhalb und rund um das Hauptquartier, sondern auch Vorwürfe systematischer Folter nach dem 15. Juli sowie schwerwiegende Unregelmäßigkeiten im Prozess zum Gendarmerie-Hauptquartier.
Der 15. Juli gilt bis heute als einer der folgenreichsten Wendepunkte der jüngeren türkischen Geschichte. Die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan machte nahezu unmittelbar die Gülen-Bewegung für den angeblichen Putschversuch verantwortlich. Die Bewegung weist jede Beteiligung zurück und fordert seit Jahren eine unabhängige internationale Untersuchung.
Nach dem 15. Juli verhängte die Türkei den Ausnahmezustand. Mehr als 150.000 Staatsbedienstete wurden entlassen, Hunderte Medienhäuser und zivilgesellschaftliche Organisationen geschlossen. Tausende Soldaten, Polizisten, Richter, Lehrer und Beamte wurden festgenommen oder strafrechtlich verfolgt. Berichten zufolge wurden mehr als zwei Millionen Menschen wegen terrorbezogener Vorwürfe untersucht, häufig auf Grundlage von Kontakten, Zugehörigkeiten oder bloßer Nähe statt auf Basis individualisierter Beweise.
Viele Betroffene wurden durch Notstandsdekrete, die sogenannten KHKs, aus dem öffentlichen Dienst entfernt. Diese Dekrete umgingen reguläre Verwaltungsverfahren. Die Säuberungen gingen weit über jene hinaus, denen eine direkte Beteiligung an den Ereignissen des 15. Juli vorgeworfen wurde. Sie erfassten Universitäten, Gerichte, Schulen, Ministerien, Kommunen und private Einrichtungen.
Begleitet wurde diese Phase von zahlreichen Fällen von Folter und Misshandlungen in Gewahrsam. Hinzu kam eine breitere Form sozialer Auslöschung: Reisepässe wurden annulliert, Vermögen beschlagnahmt, Bankkonten gesperrt, Familien aus dem Berufs- und gesellschaftlichen Leben gedrängt. Die Folgen trafen nicht nur die Beschuldigten selbst, sondern auch Ehepartner, Kinder und künftige Generationen. Aus rechtlicher Bestrafung wurde eine Form vererbter Ausgrenzung und langfristiger zivilgesellschaftlicher Vernichtung.
Die Dokumentation „Beştepe“ kehrt zu dieser Zeit zurück. Sie lässt ehemalige Soldaten zu Wort kommen, die sich in jener Nacht im Hauptquartier befanden, sowie Offiziere, die später aus dem öffentlichen Dienst entlassen wurden.
Eine andere Darstellung aus dem Inneren des Hauptquartiers
Nach offizieller Lesart war das Gendarmerie-Hauptquartier in Beştepe eines der operativen Zentren des angeblichen Putschversuchs. Der Film stellt dieser Darstellung eine deutlich andere Version gegenüber.
Ehemalige Soldaten berichten, viele Angehörige der Gendarmerie seien nach Dienstanrufen oder Warnungen vor einer möglichen terroristischen Bedrohung zu ihren Einheiten beordert worden. Ihnen sei nicht gesagt worden, dass ein angeblicher Putschversuch im Gange sei. Stattdessen hätten sie sich plötzlich in einer schnell eskalierenden Krise wiedergefunden.
Der Film argumentiert, dass die Justiz nach dem 15. Juli häufig nicht ausreichend zwischen jenen unterschied, die bewusst an einem angeblichen Umsturzversuch beteiligt gewesen sein sollen, und jenen, die innerhalb der militärischen Befehlskette Anweisungen befolgten.
„Entscheidend war, ob man auf der Liste stand“
Einer der zentralen Zeugen in der Dokumentation ist der ehemalige Gendarmerie-Hauptmann Ümit Berber, der per Notstandsdekret entlassen wurde.
Berber sagt, die Ermittlungen nach dem 15. Juli seien weniger davon bestimmt gewesen, was einzelne Personen in jener Nacht tatsächlich getan hätten. Entscheidend sei vielmehr gewesen, ob sie auf zuvor erstellten Listen standen.
„Was du in jener Nacht getan hast, spielte eigentlich keine Rolle“, sagt er im Film. „Es gab Menschen, die hingingen, und Menschen, die nicht hingingen. Es gab Menschen, die Waffen nahmen, und Menschen, die keine nahmen. Die einzige Frage war, ob du auf ihrer Liste standst.“
Seine Aussagen berühren eine der zentralen Kritiken an den Verfahren nach dem 15. Juli: dass individuelle strafrechtliche Verantwortung häufig durch ,,Kontaktschuld“, Zugehörigkeit oder die Aufnahme in staatliche Listen ersetzt wurde.
War das Gelände wirklich ein Zentrum bewaffneten Widerstands?
Die Dokumentation untersucht auch die bauliche Struktur und Lage des Gendarmerie-Hauptquartiers. Zeugen sagen, die Soldaten innerhalb des Geländes hätten sich keine bewaffneten Gefechte mit Zivilisten oder Sicherheitskräften außerhalb geliefert. Vielmehr sei das Hauptquartier einseitig beschossen worden. Zudem sei das Gebäude schon aufgrund seiner Lage und Struktur kaum geeignet gewesen, als Kommandozentrale eines angeblichen Putschversuchs zu dienen.
Der Film kritisiert, dass diese Punkte vor Gericht nicht ausreichend geprüft worden seien.
Die Tötung von Yasin Özdemir
Einer der schwerwiegendsten Vorwürfe betrifft den Tod von Hauptmann Yasin Özdemir vor dem Hauptquartier am Morgen des 16. Juli. Der Dokumentation zufolge hatte Özdemir sich bereits ergeben, bevor er erschossen wurde.
Der Film thematisiert auch die Behandlung der Festgenommenen, nachdem das Hauptquartier unter Kontrolle gebracht worden war. Der ehemalige Sanitätsoffizier der Gendarmerie Osman Elmalıca beschreibt schwere körperliche und psychische Folter. Seine Aussagen werden zusammen mit Gerichtserklärungen und SEGBİS-Aufzeichnungen präsentiert, dem offiziellen türkischen Videoaufzeichnungssystem für Gerichtsverfahren.
In diesen Aufzeichnungen berichten ehemalige Soldaten von Schlägen, Drohungen und Zwang in Gewahrsam. Die Dokumentation ordnet diese Aussagen in ein breiteres Muster von Folter- und Misshandlungsvorwürfen ein, die nach dem 15. Juli in der Türkei dokumentiert wurden.
Ein Befehl: „Tötet sie alle“
Ein weiterer zentraler Vorwurf betrifft einen angeblichen Befehl, „sie alle zu töten“.
Berber verweist auf Aussagen ranghoher Gendarmerievertreter und politischer Akteure aus jener Zeit. Er argumentiert, den Menschen im Hauptquartier sei zunächst keine echte Möglichkeit zur Kapitulation gegeben worden. Der Film legt nahe, dass einige Soldaten nicht wie Verdächtige behandelt wurden, die festgenommen werden sollten, sondern wie Ziele.
Auch die Beweislage wirft laut Dokumentation Fragen auf. Zeugen und Angeklagte sagen, Videoaufnahmen, die die Verteidigung hätten stützen können, seien dem Gericht nicht vorgelegt worden. Einige Kameraaufzeichnungen seien verändert worden, andere seien nie vollständig ausgewertet worden.
Fragen zu Arif Çetin und Turgut Aslan
Die Dokumentation nimmt auch die Rollen zweier ranghoher Figuren in jener Nacht erneut in den Blick: General Arif Çetin, damals Leiter der Operationsabteilung im Generalkommando der Gendarmerie, und Turgut Aslan, damals Leiter der Anti-Terror-Abteilung.
Ihre Handlungen und Positionen am 15. Juli gehören bis heute zu den umstrittenen Punkten in den Darstellungen der Ereignisse im Hauptquartier. Der Film argumentiert, dass diese Fragen im Gerichtsverfahren nicht ausreichend behandelt wurden.
Ein Gerichtsbefund, der schwerwiegende Fragen aufwirft
Im Prozess zum Gendarmerie-Hauptquartier standen 244 Soldaten vor Gericht. 86 Angehörige der Gendarmerie wurden zu erschwerter lebenslanger Haft verurteilt, 35 weitere zu lebenslanger Haft.
Zugleich traf das Gericht eine Feststellung, die die Dokumentation als entscheidend hervorhebt. Nach ballistischen Untersuchungen kam es zu dem Ergebnis, dass keiner der zivilen Todesfälle in dem Verfahren durch Kugeln aus den Waffen der angeklagten Soldaten verursacht wurde.
Diese Feststellung wirft eine grundlegende Frage auf: Wenn die in diesem Verfahren angeklagten Soldaten keine Zivilisten getötet haben, wie konnten dann so viele von ihnen zu den härtesten Strafen verurteilt werden, die das türkische Recht vorsieht?
Die Schwächen der offizielle Regime-Erzählung
Fast ein Jahrzehnt nach dem 15. Juli prägen die Ereignisse jener Nacht weiterhin die politische und rechtliche Ordnung der Türkei. Ihnen folgte eine umfassende Umstrukturierung des Staates, des Militärs, der Justiz, der Medien und der Zivilgesellschaft.
„Beştepe“ versucht nicht, die gesamte Geschichte des 15. Juli neu zu erzählen. Der Film konzentriert sich auf einen Ort, einen Prozess und eine Gruppe von Zeugen, deren Aussagen weitgehend außerhalb der dominierenden öffentlichen Erzählung geblieben sind.
Durch Zeugenaussagen ehemaliger Soldaten, Gerichtsakten und Vorwürfe über verschwundene Beweise, Folter und vorbestimmte Schuld wirft die Dokumentation dringende Fragen auf: Was geschah tatsächlich im Gendarmerie-Hauptquartier? Und dienten die anschließenden Prozesse der Wahrheitsfindung — oder der Bestätigung eines bereits zuvor festgelegten Regime-Narrativs?

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